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Fünfter bei der Para Leichtathletik-Europameisterschaft 2018, deutscher Delegierter beim Jugend-G20-Gipfel, Gründer des Studieren-Ohne-Schranken-Referats an der Universität Köln: Moritz Raykowski hat mit 23 Jahren schon mehr erlebt und angepackt als viele andere in seinem Alter. Jetzt studiert der „Professor“, wie ihn Freunde nennen, an einer der besten Universitäten der Welt in London – und ist dank einer Leichtathletik-Bahn auf Google Maps und einer neuen Trainingsmentalität weiter auf dem Weg zu den Paralympics in Paris.

„Es ist bildungsmäßig die beste Entscheidung in meinem Leben“, sagt Moritz Raykowski über sein Master-Studium an der London School of Economics and Political Science (LSE): „Du wirst sehr hart herausgefordert, bekommst von den Dozenten aber auch die maximale Beachtung. Ich verstehe, warum das eine der besten Unis der Welt ist.“
 
Die Aufnahmequote der Universität liegt bei knapp sechs Prozent, 85 Prozent der Studierenden kommen aus aller Welt, 40 Staatschefs und 19 Nobelpreisträger haben dort studiert, wo Raykowski nun den Großteil seiner Zeit verbringt. Das hat seinen Preis: 40.000 Euro bezahlt er für Studium, Miete und sonstige Kosten. Unterstützung erhält er von der Sonderförderung der Sportstiftung NRW, der privaten Birgit-und-Thomas-Rabe-Stiftung und seiner Familie. „So eine Chance kriegst du nie wieder“, sagt der Leichlinger: „Da unterrichten dich Leute, die die besten Lehrbücher schreiben und es ist ein Privileg, sich hier austauschen zu dürfen.“
 
„Ein großer Tunnelblick: Uni und Sport“
 
Im Vergleich zu vielen Universitäten in Deutschland gibt es eine Anwesenheitspflicht, „wenn du ein oder zweimal unentschuldigt fehlst, bist du weg“, sagt Raykowski: „Sie fordern von dir alles, geben dir aber auch alles.“ Und Raykowski lässt sich darauf ein: „Die ganze Aktion ist für mich ein großer Tunnelblick: Uni und Sport.“
 
An der LSE gibt es neben dem Leverkusener noch eine Para Athletin und eine Olympionikin, von denen er weiß, „ansonsten sind mir keine Leistungssportler begegnet.“ Und auch dass Raykowski, dessen größter Erfolg der fünfte Platz über 400 Meter bei der Heim-EM 2018 in Berlin war, weiter Leistungssport macht, ist eher dem Zufall geschuldet. Nicht erwartbar sei das gewesen, meint der 23-Jährige: „Ich wollte mich auf die Uni konzentrieren und habe immer gesagt: Ich bin glücklich und dankbar für alles, was im Sport möglich ist. Und dann hatte ich sehr viel Glück.“
 
„Kurz und richtig laufen statt eine Stunde“
 
Seine Trainingsgelegenheit fand er über Google Maps an der Central-Line-Haltestelle MileEnd zufällig, weil es das nächstgelegene Leichtathletik-Bahn war, das er auf der Karte entdecken konnte. Dort traf er Chris Zah, in Großbritanniens Leichtathletik-Szene bekannt für 400-Meter-Läufer, die bei Olympia oder den Paralympics gestartet sind – perfekt für Raykowski. „Hier kommen Siebenjährige aus den Docklands und 65-jährige Rentner. Wir sind eine riesige Gruppe.“ Zah hat auch schon Paraplegiker und Spastiker trainiert, kennt sich also aus, was es heißt, dass Raykowski eine Hemiparese rechtsseitig hat: „Mit meiner Spastik ist es besser, morgens nicht zu laufen. Deshalb habe ich um 16 Uhr Einzeltraining – vier Mal die Woche.“
 
Auch Zahs Ansatz war für Raykowski neu: „Wir trainieren total anders. Kern-Essenz der Einheit ist es, kurz und richtig zu laufen, statt eine Stunde die Konzentration hochhalten“, sagt Raykowski, der in seiner Jugend auf 800 Meter spezialisiert war: „Hier ist das Motto: Sei gesund, dann kannst du dich bewegen. Wenn eine Übung wegen der Spastik weh tut, lasse ich sie weg. Ich hatte drei Mal in meinem Leben einen Ermüdungsbruch, aber egal, wie frustrierend das ist: Paris ist das Ziel.“
 
Deutschen Rekord laufen und verletzungsfrei bleiben
 
Und damit Raykowski 2024 seinen Traum von den Paralympics erfüllen kann, kommt ihm die neue Trainingsmentalität entgegen. „Das ist schon ziemlich cool. Nach fünf Wochen machen wir eine Woche Pause, dann kommst du frisch wieder. Mir bringt das mega viel.“ Ansonsten sieht der ganzheitliche Ansatz von Zah vor, dass viel geschlafen und auf die Ernährung geachtet werden soll: „Wenn ich eine Klausur habe, gibt es einen anderen Plan. Das Training ist so wettkampfnah, dass ich da nicht zu viel verliere, das ist stark.“
 
Mit dem Fernziel Paralympics möchte Raykowski in diesem Jahr „geile Zeiten laufen, die international wettkampffähig sind, da habe ich richtig Bock darauf.“ Zur deutschen Meisterschaft in Regensburg am 18. und 19. Juni wird er nach Regensburg fliegen, um dort seinen deutschen Rekord über 400 Meter zu unterbieten. Doch das gelingt nur, wenn er von Verletzungen verschont bleibt.
 
Wenn sein Master beendet ist, will Raykowski wieder in Leverkusen leben und trainieren sowie in Köln promovieren. Am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung gibt es ein Unterinstitut, wo er ab Oktober arbeiten und forschen möchte. Die Zeit in London hat ihm dabei wichtige Erkenntnisse verschafft: „Es ist ein Segen zu wissen: Mit dem Programm, das ich aktuell habe, kann ich mit meiner Spastik mit vier Mal Training gewisse Dinge erreichen und dazu gesund arbeiten.“

Quelle: Nico Feißt

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