• Ein Handbike-Fahrer mit dem Slogan:
  • Eine Bogenschützin im Stehen mit dem Slogan:
  • Ein blinder Fußballspieler mit Augenbinde und dem Slogan:
  • Eine Handbike-Farerin mit dem Slogan:
  • Ein Mann dem eine Hand fehlt, der ein Segel montiert mit dem Slogan:

Zwischen dem Kampf ums Leben und einem großen Geschenk: Interview mit Franziska Liebhardt, Paralympics-Siegerin im Kugelstoßen 2016 in Rio de Janeiro und Empfängerin einer neuen Spenderlunge

Franziska Liebhardt bei der Siegerehrung in Rio zischen ihren Konkurrentinnen aus China und Tschechien. | Foto: Ralf Kuckuck / DBSBei den Spielen in Rio 2016 feierte Franziska Liebhardt die Goldmedaille im Kugelstoßen, gewann zudem Silber im Weitsprung – mit Spenderlunge und Spenderniere. Neben einer halbseitigen Lähmung hat die 38-Jährige aufgrund einer Autoimmunerkrankung 2009 eine Lungentransplantation hinter sich gebracht, 2012 folgte eine neue Niere, 2016 dann der Triumph in Rio. Auf den Tag genau drei Jahre nach dem Paralympics-Gold gab es jedoch wieder eine Hiobsbotschaft: Liebhardt brauchte erneut eine neue Lunge. Wieder begann das quälende Warten auf ein Spenderorgan. Nach sieben ungewissen Monaten erhielt sie die erlösende Nachricht – und wurde erfolgreich operiert.

Kurz vor Ostern ging es ganz schnell. Wenige Tage vor deiner Lungentransplantation hattest du noch geäußert, dass du dir abgewöhnt hast, jeden Tag, jede Stunde auf einen Anruf zu warten. Dann klingelte plötzlich das Telefon. Du hast sieben Monate darauf gewartet.

Ich wurde am 13. September 2019 wieder auf die Warteliste zur Transplantation gesetzt. Der 13. September ist für mich eigentlich ein sehr gutes Datum, 2016 bin ich an diesem Tag in Rio Paralympics-Siegerin geworden. Diesmal bedeutete es für mich den Beginn einer sehr schwierigen Zeit. Sieben Monate habe ich auf den Anruf gewartet. Das heißt sieben Monate jeden Tag und jede Nacht nicht zu wissen, ob das Telefon klingelt – und innerhalb von wenigen Stunden eine riesige Operation organisiert wird. Der Anruf kam in meinem Fall abends gegen 22.30 Uhr. Ich hatte einen Arzt am Telefon, der mir sagte, es gäbe möglicherweise ein passendes Organ. „Auf dem Papier“ sehe alles gut aus. Innerhalb von 30 Minuten kam der Krankenwagen und hat mich ins Transplantationszentrum nach Hannover gebracht, wo wir gegen 4 Uhr morgens angekommen sind. Man wird dann für die OP vorbereitet, rasiert und desinfiziert – obwohl zu dem Zeitpunkt noch gar nicht feststand, ob das Organ tatsächlich passt. Die Chirurgen aus dem Transplantationszentrum Hannover setzen sich in ein Flugzeug, fliegen zum Spender hin, sehen sich in meinem Fall die Lunge des Spenders von innen und außen an und entscheiden, ob diese Lunge verwendet werden kann. Die Chirurgen entnehmen das Organ dann auch direkt und fliegen damit zurück nach Hannover. Ich habe quasi auf dem Rückflug der Ärzte die Nachricht erhalten, dass das Organ akzeptiert ist und ich operiert werde. Ob die Lunge auch wirklich funktioniert, weiß man erst danach.

Was waren deine ersten Gedanken und wie hast du in diesen Momenten gefühlt?

Es war ein Mischmasch aus Aufregung, Ängsten und Vorfreude. Als ich um 22.30 Uhr eine Nummer mit hannoverscher Vorwahl auf dem Display gesehen habe, war mir aber natürlich klar, dass das nur einen Grund haben kann. Ich habe die engsten Verwandten angerufen, ihnen von der frohen Mitteilung berichtet – und dann fährt man einfach los. Die Organisation der ersten Tage nach der Transplantation, in denen man noch zu nichts selbst in der Lage sein wird, hatte ich lange vorher erledigt. Wer ruft wen an, wer sagt welche Termine ab, wer kümmert sich um Alltagstermine, die ja nicht vorher abgesagt werden können, weil eben niemand weiß, wie lange man wartet. Eine Woche, drei Monate oder zwei Jahre.

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um für eine Organtransplantation in Frage zu kommen?

Dazu gehört eine lange Liste an Voruntersuchungen und Tests, die einen als geeigneten Organempfänger deklarieren. Man wird quasi einmal auf links gedreht. Neben den rein körperlichen Faktoren und Vorerkrankungen spielen auch psychologische Dinge eine Rolle, bspw. wie gut sich ein Patient an Empfehlungen halten kann und will, wie ist die Unterstützung im sozialen Umfeld und die Möglichkeit, die Vorgänge zu verstehen und mitzutragen. Man muss den Ärzten beweisen, dass man bereit ist, diesen schwierigen Weg zu gehen, sich an die vorgegebenen Regeln zu halten, Kontrolltermine wahrzunehmen, Medikamente zuverlässig einzunehmen, sich an ärztliche Vorgaben zu halten. Man muss bereit sein, um sein Leben zu kämpfen und die Verantwortung für ein Spenderorgan zu übernehmen – es ist das größte Geschenk, welches einem ein anderer Mensch machen kann. Dazu müssen die Überlebenschancen mit einem neuen Organ auch mit Blick auf weitere Begleiterkrankungen auf längere Zeit gegeben sein. Hierzulande können wir es uns leider nicht leisten, jedem Menschen ein Organ zum Überleben zu geben, der es bräuchte. Eigentlich ein Skandal, aber leider Realität in Deutschland. Übrigens sind wir in Europa eines der Schlusslichter.

Wie sieht dein Alltag nach der Transplantation aus? Wie können wir uns den Weg zurück und die ersten Schritte vorstellen?

Der Alltag organtransplantierter Menschen ist mit einer hohen Anforderung an die eigene Disziplin verbunden. Medikamente müssen nach strenger Kontrolle zu genauen Uhrzeiten eingenommen werden, man muss lernen, sehr gut in seinen Körper hineinzuhorchen und auf alle Veränderungen schnell und konsequent reagieren. Man muss beim Essen verzichten, weil der Körper allgemein anfällig für Infektionen ist und Keime über alle möglichen Wege in den Körper gelangen können. Man übernimmt die Verantwortung für ein großes Geschenk. Vor allem spürt man Verantwortung gegenüber der Spenderfamilie, die in einer Stunde größter Trauer bis zu fünf anderen Familien ein neues Leben schenkt. Zudem denkt man auch an die anderen Menschen auf den Wartelisten, die sterben, weil nicht rechtzeitig ein Organ zur Verfügung steht. Da fühlt man wirklich große Demut. Ein Spenderorgan zu haben, bedeutet nicht, dass man anschließend gesund ist. Aber es bedeutet ein hohes Maß an Lebensqualität, für die so mancher vielleicht auch erstmal ein Gefühl entwickeln muss. Ich habe in den vergangenen 15 Jahren mit meiner Erkrankung wahnsinnig viel Demut vor dem Leben entwickelt. Man beschwert sich nur noch selten über irgendwelche Kleinigkeiten. Denn man lernt in solchen Situationen, wie wichtig Leben ist. Nur Leben. Kein Geld, kein Haus, kein teures Auto. Morgens wachzuwerden, Luft zu bekommen, die Treppen steigen zu können – einfach Glück empfinden zu dürfen.

Die ersten Schritte nach der großen Operation sind auch körperlich gesehen die ersten Schritte. Möglichst bald nach der Operation selbstständig, also ohne Beatmungsgerät, zu atmen. Das passiert optimalerweise in den ersten Tagen nach der OP. Sich im nächsten Schritt von Physiotherapeuten und Atemtherapeuten an die Bettkante hieven zu lassen, um den Kreislauf wieder in Gang zu kriegen. Ohne Medikamente zur Kreislaufunterstützung auszukommen. Kein fremdes Blut mehr zu brauchen. Es mit immer weniger Schmerzmittel auszuhalten. Und sich dann mit den vielen Medikamenten und Einschränkungen vertraut machen. Wieder selbstständig telefonieren und schreiben können. Wieder essen und schlucken können. Wieder alleine zur Toilette zu kommen, alleine zu duschen. Die banalsten Funktionen sind nach einer solche Operation zunächst weg. Für den Körper ist es eine Höchstleistung, sich innerhalb kürzester Zeit an ein neues, letztlich fremdes Organ zu gewöhnen und wieder in den normalen Tritt zu kommen.

Motivieren und bekräftigen dich die Erinnerungen an deine sportlichen Erfolge, insbesondere bei den Paralympics in Rio 2016 bei deinem täglichen Kampf?

Die Zeit rund um Rio und die Paralympics hat mich vor allem durch die erneute Wartezeit getragen. Weil der Sport einem vieles lehrt, was man auch im Kampf gegen eine schwere Erkrankung braucht. Positive Emotionen, unvergessliche Momente und Bilder, Bekanntschaften um die ganze Welt. All diese Dinge geben dir Kraft, wenn das Leben schwer wird. Und natürlich hilft es bei der Motivation auch ungemein, die eigene Kraft sozusagen schon einmal am eigenen Leib erfahren zu haben. Wenn man schon eine solche Transplantation hinter sich gebracht hat und selbst erlebt hat, dass man es wieder zurück in ein normales Leben schaffen kann, auch wenn andere einen längst abgeschrieben hatten, übersteht man Durststrecken einfach besser. Und Durststrecken gibt es und wird es auch zukünftig immer geben, wenn man schwer krank ist. Rio hat mir Erlebnisse und positive Bilder geschenkt, die mir niemals wieder jemand nehmen kann – egal, was immer kommen wird. Das ist ein großer emotionaler Schatz, den ich hüte und genieße!

Wissen die Ärzt*innen, Pfleger*innen sowie Zimmernachbarn, dass sie es mit einer Paralympics-Siegerin zu tun haben?

Die Ärzte kennen mich bereits seit vielen Jahren und entsprechend auch meine Geschichte im Sport. Jetzt kam das ein bisschen wie eine Welle angerollt, die mich selbst überrascht hat. Ich hatte auf der Intensivstation gerade die Augen aufgeschlagen, da berichtete der Chirurg bei der Visite von Frau Liebhardt, der Kugelstoßerin. Und dann war das wie ein Lauffeuer. In der Klinik, der Medizinischen Hochschule Hannover, hängen auch in allen Fachabteilungen, die mich betreuen, Bilder von meinem Sieg in Rio, die ich mit Dankesworten versehen habe. Denn man muss ja mal ganz ehrlich sein: Ich war zwar damals diejenige, die in Rio im Ring gestanden und vor Ort Gold gewonnen hat. Doch in einer Lebenssituation wie meiner waren über Jahrzehnte hinweg so viele Menschen an diesen Erfolgen beteiligt, die aber natürlich nie im Rampenlicht auftauchen. Hätte es Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Ärzte im Vorfeld nicht gegeben, die „einfach ihren Job gemacht haben“, hätte ich in Rio auch nicht gewinnen können. Mir würden heute viele wertvolle Lebenserfahrungen fehlen. Unter anderem einem sehr engagierten Intensivmediziner aus Hannover habe ich nach dem Erfolg in Rio geschrieben, dass diese Medaille auch seine Medaille sei, sie gehöre nicht mir allein. Er schrieb zurück: „Wahnsinn, mein größter sportlicher Erfolg im Leben bisher war die Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen“.

Was wird mit der neuen Lunge wieder möglich sein und was nicht? Wirst du auch wieder sportlich aktiv sein können?

Das ist aktuell schwer zu sagen. Spenderlungen sind anfällig für Probleme und Komplikationen. Ich hoffe, wieder in ein normales Leben zurückkehren zu können. Arbeiten zu können, Freizeitsport zu machen, frei zu sein. Ich wäre dankbar für ein „ganz normales Leben“ ohne besonderen Schnickschnack. Befreit atmen zu können, wäre schon ausreichend. Meine großen sportlichen Erfolge habe ich gehabt, dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen. Ich genieße jetzt die Erinnerungen daran.

Welche Pläne hast du, wenn sowohl deine Gesundheit als auch die aufgehobenen Einschränkungen durch das Corona-Virus wieder mehr Aktivitäten und Freiheiten ermöglichen?

Ich möchte mit meinem Handbike gerne eine Deutschlandrundfahrt machen und einfach die Zeit genießen. Urlaube machen, die neu gewonnene Lebenszeit genießen. Wieder Vorträge halten oder für den Behinderten- und Rehabilitationssportverband Nordrhein-Westfalen und den Deutschen Behindertensportverband moderieren. Ich hatte vor der erneuten Lungenerkrankung eine sehr aktive Lebensphase mit vielen Reisen und viel körperlicher Aktivität – da wieder hinzukommen, wäre der Traum. Mal sehen. Ich möchte liebgewonnenen Menschen aus dem Sport gerne verbunden bleiben, aber nicht mehr als aktive Sportlerin. Es gibt viele andere schöne Möglichkeiten. Wenn der DBS mich in Tokio in irgendeiner Form als Helferlein mitnehmen möchte, werde ich sicherlich nicht nein sagen.

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