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Martin Fleig reist als doppelter Titelverteidiger zur Para Ski nordisch-WM ins kanadische Prince George (15.-24. Februar). Er will wieder eine Medaille holen. Die Farbe ist ihm dabei egal – fast.

Foto: Luc PercivalFrechen, 12. Februar 2019. Was darf man eigentlich von jemandem erwarten, der schon alles erreicht hat? Martin Fleig, 29-jähriger Sitzski-Athlet vom Ring der Körperbehinderten Freiburg, hat in den vergangenen vierundzwanzig Monaten so ziemlich alles erreicht, was er sich je hätte erträumen können. Bei der Weltmeisterschaft 2017 im eigenen Land gewann er zwei Gold- und zwei Bronzemedaillen und war in dem Jahr anschließend auch im Biathlon-Gesamtweltcup ganz vorne. Bei den Paralympics 2018 in PyeongChang siegte er im Biathlon über 15 Kilometer; es war die erste deutsche Männermedaille nach achtjähriger Flaute. Verdienter Lohn: die Auszeichnung als Para Sportler des Jahres.

Derartige Triumphe, sollte man meinen, machen einen Leistungssportler entweder satt oder überheblich. Auf Martin Fleig trifft beides nicht zu. Es entspräche schlichtweg nicht seinem Charakter. Denn der Junge aus Gundelfingen im Breisgau verfährt nach einer Maxime, die ihren Fokus weniger auf Resultate setzt als auf den Weg dorthin: „Ich möchte immer mein Bestes geben und dann sehen, was dabei herauskommt. Denn alle anderen, die am Start sind, kann ich nicht beeinflussen“, sagt er. Soll heißen: Ein hart erkämpfter vierter Platz kann – zumindest auf lange Sicht – mehr wert sein als ein Sprung aufs Podium nach einem eigentlich verkorksten Rennen. Als Fleig jüngst beim Weltcup in Östersund (Schweden) Zweiter im Langlauf über die lange Distanz wurde, freute er sich nicht über Silber, sondern ärgerte sich darüber, in der letzten Runde keine Kraft mehr gehabt zu haben.

Beim Schwimmen entdeckt

Martin Fleig war acht Jahre alt und regelmäßig in einem Schwimmkurs, als ein Talentsucher des Vereins zur Förderung des nordischen Behinderten-Skilaufs Deutschland auf seine Mutter und ihn zukam. Ob er nicht mal bei einem Schnupperlehrgang im Para Skilanglauf vorbeischauen wolle, fragte der. Martin Fleig wollte – und war sofort angetan. 2007 feierte er in Isny im Allgäu sein Weltcup-Debüt. Zwei Jahre später startete er bei der ersten WM überhaupt im Para Ski nordisch. „Arschkalt“ sei es im finnischen Vuokatti gewesen, erinnert er sich lachend. „Ich habe damals viel Lehrgeld gezahlt. Aber es war trotzdem etwas Besonderes.“

Sechs Jahre später, bei seiner vierten WM-Teilnahme, fuhr Fleig das erste Mal aufs Treppchen. Im Biathlon über 12,5 Kilometer holte er Bronze – und konnte es nicht fassen. Blickt er heute auf den Erfolg zurück, sieht er in ihm so etwas wie eine Initialzündung. Bis dato hatte er stets ans Treppchen herangeschnuppert, von da an war er Dauergast unter den Top drei. Die Explosion folgte bei der „einfach gigantischen“ Heim-WM 2017 in Finsterau (Bayerischer Wald) mit Doppelgold. „Da habe ich mich gefühlt wie ein junger Gott.“

Der Bundestrainer Ralf Rombach sieht Fleigs Weg an die Spitze als einen kontinuierlichen Prozess, hinter dem Ruhe und Zähigkeit steckt. „Martin verkörpert all die positiven Werte des Sports. Er hat jahrelang hart und seriös gearbeitet, ohne auf die Pauke zu hauen und dann allen gezeigt, was möglich ist, wenn man sich reinhängt“, sagt Rombach. Zweifel und Ungeduld sind freilich Gift für einen, der sich Schritt für Schritt nach oben arbeiten will. Doch beides hat Fleig stets von sich geschoben. „Der Sport hat mir gezeigt, wie wertvoll eine positive Grundeinstellung im Leben ist.“

Das Meisterstück von Südkorea

Freilich: Mit den Erfolgen stieg auch die Erwartungshaltung. Vor den Paralympics in PyeongChang stand Martin Fleig als Mitfavorit im Fokus. Nach Platz sechs und vier in den ersten beiden Biathlon-Rennen steckte er tief im Loch, buddelte sich aber wieder raus. „Wir haben unseren freien Tag am Strand verbracht. Da habe ich den Kopf freibekommen“, erinnert er sich. Die Goldmedaille über die 15 Kilometer war sein Meisterstück, ein durch und durch souveränes Rennen.

„Ohne die Unterstützung aus dem Team und von meiner Familie und Freundin daheim hätte ich das nie geschafft“, sagt Martin Fleig, der froh darüber ist, auf ein stabiles Umfeld bauen zu können. Das schließt seinen Arbeitgeber, das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, mit ein. Zusätzliche Mittel erhält er aus der Eliteförderung des Deutschen Behindertensportverbands. Fleig ist Mitglied des von der Allianz Deutschland AG, der Deutschen Telekom AG, der Sparkassen-Finanzgruppe sowie der Toyota Deutschland GmbH finanzierten Top Teams. „Es ist ein schönes und wichtiges Zeichen, dass wir Para Sportler über diesen Topf Unterstützung erfahren“, sagt er.

Die Reise nach Kanada zu seiner sechsten WM tritt Martin Fleig entspannt an. Er ist zwar doppelter Titelverteidiger, die Bürde des Favoriten trägt aber ein anderer: Daniel Cnossen, der in dieser Saison neun von elf Einzelrennen im Langlauf und Biathlon gewonnen hat. „Seine Laufform ist brutal. Daniel kann das Ding in Prince George rocken“, lobt Fleig. Auch das 19-jährige ukrainische Riesentalent Taras Rad und der Südkoreaner Eui Hyun Sin zählen zum Kreis der Besten.

Fleigs Sammlung ist noch nicht komplett

Foto: Luc PercivalMartin Fleig will ebenfalls wieder ein Wörtchen mitreden bei der Medaillenvergabe. Im bisherigen Verlauf der Saison hatte er ungewohnte Schwächen am Schießstand gezeigt. Beim finalen Höhentrainingslager im italienischen Livigno gewann er Sicherheit zurück. Auch körperlich fühlt er sich fit. Was das bedeutet? „Eine WM-Silbermedaille fehlt mir noch in der Sammlung“, sagt er augenzwinkernd. Und dann, wieder ganz ernsthaft: „Natürlich würde ich gerne eine Medaille mitnehmen, egal welche Farbe. Aber wenn das nicht klappt, bricht keine Welt zusammen.“

Neben Fleig sind Andrea Eskau und Clara Klug die heißesten Kandidatinnen des deutschen Teams für eine oder mehrere Trophäen in Prince George. Eskau hat bei Weltmeisterschaften im Para Ski nordisch seit 2011 in Chanty-Mansijsk achtmal Gold, zweimal Silber und siebenmal Bronze geholt, Klug und ihr Guide Martin Härtl fliegen als Biathlon-Weltcupführende zu ihrer dritten gemeinsamen WM.

Insgesamt hat Bundestrainer Rombach neun Athletinnen und Athleten für Kanada nominiert. Sie treffen auf rund 130 Starter aus 19 weiteren Nationen. Das erste Biathlon-Rennen beginnt am Samstag, 16. Februar, um 10 Uhr lokaler Zeit (19 Uhr in Deutschland). Bis zum 24. Februar folgen zwei weitere Biathlon- und vier Langlauf-Wettkämpfe, darunter die Staffeln am 23. Februar.

 

Alle deutschen Teilnehmer (mit Alter / Verein / Wohnort / bisherigen WM-Teilnahmen):

Sitzende Konkurrenz: Andrea Eskau (47 / USC Magdeburg / Elsdorf / 5. WM-Teilnahme), Martin Fleig (29 / Ring der Körperbehinderten Freiburg / Gundelfingen / 6. WM-Teilnahme), Anja Wicker / 27 / MTV Stuttgart / Stuttgart / 5. WM-Teilnahme)

Stehende Konkurrenz: Alexander Ehler (49 / SV Kirchzarten / Emmendingen / 1. WM-Teilnahme), Steffen Lehmker (30 / WSV Clausthal-Zellerfeld / Bad Bevensen / 2. WM-Teilnahme), Marco Maier (19 / SV Kirchzarten / Blaichach im Allgäu / 1. WM-Teilnahme)

Konkurrenz der Sehbeeinträchtigten: Clara Klug (24 / PSV München / München / 3. WM-Teilnahme, Guide: Martin Härtl), Nico Messinger (24 / Ring der Körperbehinderten Freiburg / Freiburg / 4. WM-Teilnahme, Guide: Lutz Klausmann), Johanna Recktenwald (17 / Biathlon Team Saarland / Marpingen / 1. WM-Teilnahme, Guide: Simon Schmidt)

 

Weitere Informationen zum Nordic Paraski Team Deutschland und zur WM stehen auf www.nordski.de und https://www.caledonianordic.com/events/2019-world-para-nordic-skiing-championships.

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