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Christoph Glötzner und Leander Kress wurden schon früh von ehemaligen Para Skifahrern inspiriert, eiferten ihren Vorbildern nach und profitierten von einem neuen Nachwuchs-Konzept der deutschen Para Ski alpin-Nationalmannschaft. In Peking feiern sie vom 4. bis 13. März mit 18 und 21 Jahren ihr Paralympics-Debüt – und haben große Ziele für die Zukunft.

„Wir haben zusammen Skifahren gelernt und sind von Anfang an Trainingsbuddys“, sagt Leander Kress über Christoph „Grisu“ Glötzner, der drei Jahre jünger ist als er: „Früher war es mehr so: Wir gehen zum Spaß Skifahren, mittlerweile ist es wie ein Job, weil wir so viel Zeit und Mühe reinstecken.“ Seit 2010 in Vancouver, als Gerd Schönfelder vier Mal Gold und ein Mal Silber gewonnen hatte, waren keine deutschen stehenden Para Skirennfahrer mehr bei Paralympics dabei. Nun, zwölf Jahre später bei den Spielen in Peking, sind es gleich zwei: Kress und Glötzner fahren beide auf dem linken Ski, das rechte Bein fehlt ihnen.
 
„Bester Freund beim Skifahren“
 
Egal, ob auf der Piste, an der Tischtennisplatte oder beim Raclette essen: Wenn der 21-jährige Kress und der 18-jährige Glötzner gemeinsam unterwegs sind, müssen sie sich ständig messen. „Wenn es irgendwas gibt, ist es bei uns sofort ein Battle, das muss einfach so sein“, sagt Kress und Glötzner fügt hinzu: „Auf unserem Zimmer spielen wir Schach oder Karten. Beim Tischtennis haben wir uns beim letzten Lehrgang unerbittliche Matches geliefert, da stand es Unentschieden am letzten Tag, dann haben wir beide richtig reingeschwitzt, weil niemand als Verlierer heimgehen wollte.“
 
Und auch wenn Frühaufsteher Glötzner und Kress, der laut seinem jüngeren Kumpel „manchmal schwer in die Gänge kommt“, so manche Eigenart am anderen stört, sind doch beide sehr froh, dass sie sich gefunden haben. „Auch wenn es manchmal nervig ist, ist er nicht nur mein Konkurrent, sondern auch mein bester Freund beim Skifahren. Es ist cool, jemanden zum Pushen zu haben, mit dem man sich messen kann.“ In manchen Punkten wie der Behinderung seien sich beide gleich, erklärt Kress, doch die Charaktereigenschaften „sind komplett verschieden. Aber damit kommen wir klar und können uns arrangieren.“
 
Bei der Weltmeisterschaft in Lillehammer, der ersten für die beiden, konnten sie sich im Parallelslalom im Training sogar direkt duellieren. „Es war so brutal knapp, da hätten wir ein Fotofinish gebraucht“, sagt Kress lachend: „Sowas macht richtig Spaß. Im Rennen war er dann einen Tick schneller, aber da werde ich ihm in Peking noch mal zeigen, dass er nicht schon vorab vorne ist.“
 
Spitz und Haas: Zwei Paralympioniken als Idole
 
Der Weg der beiden in den Para Skisport verlief ähnlich: Glötzner verlor sein Bein bei einem Unfall mit einem Rasenmäher-Traktor im Alter von drei Jahren, bei Kress wurde mit sieben Jahren Knochenkrebs im Oberschenkel diagnostiziert und infolgedessen der Fuß amputiert. Glötzner stand schon knapp ein halbes Jahr später auf einem Ski mit zwei Krücken statt Stöcken, Kress entdeckt ein Jahr nach seiner Amputation durch das Reha-Angebot am Uni-Klinikum Münster das Skifahren für sich.
 
„Mich hat im Skiurlaub eine österreichische Trainerin angesprochen. Als wir gesagt haben, dass ich aus Deutschland komme, fand sie das glaube ich schade“, sagt Glötzner und grinst, „aber sie hat den Kontakt vermittelt und so hat das seinen Lauf genommen.“ Als der Neumarkter dann erstmals bei einem Nachwuchs-Camp des Deutschen Behindertensportverbands ist, kann er längst mit Krücken Skifahren. Der „richtig coole Chefarzt“ der Klinik, in der Glötzner damals operiert wurde, Fritz Haas, ist selbst oberschenkelamputierter Para Skifahrer, hat von 1992 bis 1998 an drei Paralympics teilgenommen – und „Grisu“ das Skifahren auf einem Bein beigebracht. „Er ist ein großes Vorbild von mir. Das war damals auch für meine Familie ein Hoffnungsfunke, dass voll viele Sachen trotzdem wieder möglich sind – auch Skifahren. Das war wichtig, denn mein Vater war Pflasterer und da konnten wir hauptsächlich im Winter in den Familienurlaub.“
 
Als Kress sein Idol traf, hielt der in der Münchner Allianz-Arena einen Vortrag: „Als ich das gesehen habe, wurde mir klar: Der war bei den Paralympics, ich will das auch.“ Also suchte der Neunjährige den viermaligen Paralympics-Sieger Alexander Spitz hinter der Bühne und sagte: „Ich will auch zu den Paralympics! Da guckte er mich an und war verwundert, also habe ich meine lange Jeans hochgekrempelt, meine Prothese gezeigt und gesagt: Ich fahr auch Ski wie du.“ In Lillehammer, wo Kress nun seine WM-Premiere feierte, holte Spitz 1994 vier Medaillen.
 
„Als ich jetzt selbst hier war, hat unser Mannschaftsarzt Hartmut Stinus mir im Zielraum ein bisschen von früher erzählt, da habe ich erst realisiert, was für ein Superstar und wie krass er war“, sagt Kress über Spitz, der insgesamt elf Medaillen bei fünf Spielen zwischen 1984 und 1998 gewann und wie Kress auch Knochenkrebs als Kind hatte. „Wir haben dann während der WM auch relativ oft geschrieben, speziell vor der Abfahrt, weil er Lillehammer gut kennt und als ich ihm gesagt habe, dass ich für die Paralympics nominiert bin, hat er sich riesig gefreut und gesagt, dass er noch genau weiß, wie ich vor ihm stand und es gesagt habe, dass ich es auch schaffen will.“
 
„Nicht absehbar, dass beide sich so stark entwickeln“
 
Jeweils im Slalom fuhren die beiden die besten WM-Resultate in Norwegen ein: Glötzner Platz 16, Kress Platz 19. Und danach waren sich beide einig, dass es nicht nur viel Spaß und noch mehr Erfahrung gebracht hat, sondern auch, dass leistungstechnisch noch viel Luft nach oben ist. Bundestrainer Justus Wolf war mit seinen Athleten aber zufrieden, zumal er vor der WM noch sagte, dass „vor eineinhalb Jahren noch nicht absehbar war, dass beide sich so stark entwickeln würden.“ Doch dass das ermöglicht wurde, war auch ein Ergebnis dessen, dass sie immer gefördert wurden: Mit neun Jahren im Paralympics-Future-Team, danach im bayrischen Landeskader und im neuen DPS-Nachwuchsteam, das nach den Paralympics 2018 gegründet wurde. „Grisu kam immer hinterher“, sagt Kress, „ich hatte früher körperlich immer Vorteile. Aber als wir dann zu Nachwuchs-Bundestrainerin Maike Hujara gekommen sind, haben wir noch mal einen riesen Schritt gemacht – sonst wären wir nicht, wo wir sind.“
 
Kress verfeinerte seine skifahrerischen Fähigkeiten in seiner Zeit auf dem Internat in Berchtesgaden, Glötzner sitzt momentan an den Vorbereitungen fürs Abitur, das er Ende April schreiben wird. „In Peking werde ich nicht so viel lernen, da fokussiere ich mich auf die Rennen. Umso mehr muss ich jetzt Gas geben, ich sitze die ganze Zeit am Schreibtisch und die Klausuren gehen wieder los, das wird lecker“, sagt Glötzner und lacht: „Aber ich bin froh, dass mich alle so unterstützen, dass ich so tolle Mitmenschen in meinem Leben habe. Meine Family, meine Freunde, aber auch meine Schule – ich bin dem Ostendorfer Gymnasium saudankbar, das kann ich nur empfehlen.“
 
Auf die erste WM-Hälfte hatte er zu Gunsten der Schule verzichtet, auf den Weltcup in Schweden auch. Mit Co-Trainer Mauritz Trautner wird er unter Flutlicht nach der Schule noch ein bis zwei Mal die Woche in Oberwarmensteinach Slalom trainieren und viel Zeit im Keller verbringen, in dem er sich einen Kraftraum eingerichtet hat. Kress wird sich nach dreieinhalb Wochen in Norwegen und Schweden erstmal erholen, „mein Oberschenkel war am Ende so fertig, da war es schwierig, überhaupt runterzukommen ins Ziel“, sagt der Friedberger, der sich neben seinem Sportmanagement-Studium für die Krebshilfe engagiert, „und trotzdem war ich schneller als meine besten Zeiten vergangene Saison.“ Vom 12. bis 19. Februar fahren die beiden mit dem Para Ski alpin-Team nach Südtirol ins Trainingslager nach Watles, am 25. hebt der Flieger nach Peking ab.
 
„Das Beste, was uns passieren konnte“
 
„Manchmal geht alles so schnell, ich hätte mir das vor zwei Jahren nicht ausmalen können, dass ich Abi schreibe und davor zu den Paralympics fliege“, sagt Glötzner, der wie sein Vorbild Fritz Haas nach der Schule Medizin studieren und Arzt werden will: „Das sind alles Erfahrungen, die mir keiner nehmen kann. Ich will in Peking teilnehmen und Spaß haben, eine saugeile Platzierung einfahren und das Beste abrufen, was geht. Es ist zwar schade, dass wir Drumherum nicht so viel machen können, aber es werden ja nicht die letzten Paralympics sein, die ich fahre“, sagt der 18-Jährige und lacht, um ernst zu ergänzen: „2026 will ich eine Goldmedaille holen. Das ist ein langfristiges Ziel von mir und ich werde alles daran setzen, das zu erreichen.“
 
Kress freut sich vor allem auf eine Disziplin in Peking, nachdem er bei der WM seine Feuertaufe mit Platz 20 in der allerersten Abfahrt bestanden hat. „Das hat mir so Spaß gemacht“, sagt Kress, dem Bundestrainer Justus Wolf ein Abfahrts-Talent zuschreibt. „Als wir nach der Besichtigung oben standen, wollte er mit uns Abfahrts-Neulingen noch reden. Als Justus aber gesehen hat, wie ich dauernd gegrinst habe, hat er gemeint: Ach Leander, du kannst auch gehen. Noch im Zielraum hatte ich vor lauter Vorfreude ein breites Lachen im Gesicht. Da freue ich mich drauf. In Peking sieht es echt verrückt aus, ein paar weiße Flecken in den Bergen. Es ist kälter als in Norwegen, aber die Pisten werden bestimmt perfekt hergerichtet sein.“
 
Dann wollen Glötzner und Kress zeigen, was sie draufhaben. „Dass wir beide zusammen zu den Paralympics dürfen, ist das Beste, was uns passieren konnte. Einfach mega. Es wäre schade, wenn nur einer von uns beiden dabei gewesen wäre. Ich glaube, zu zweit ist es richtig cool, die ganzen Eindrücke zu verarbeiten“, sagt Kress und möchte dann mit einem Lächeln doch noch mal einen Vergleich anstellen, weil ja immer alles ein Battle zwischen beiden sei. „Er hat eine gute Ausdauer und kann springen, ich habe eine brutale Kraft. Immer ist ein anderer besser, dann dreht sich der Spieß wieder. Wir haben schon immer gesagt: Wenn wir uns fusionieren könnten, wären wir der perfekte Skifahrer.“

Quelle: Nico Feißt

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