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Fünf Gold- und zwei Bronzemedaillen durch drei Athletinnen: So liest sich die Bilanz des 30-köpfigen deutschen Teams nach den ersten Para Schneesport-Weltmeisterschaften im norwegischen Lillehammer. Für die Paralympics in Peking geben sich die Trainer vorsichtig optimistisch und warnen vor einer zu hohen Erwartungshaltung. 

Vier WM-Titel in fünf Rennen: Monoskifahrerin Anna-Lena Forster aus Radolfzell war eines der Gesichter der ersten zusammengelegten Weltmeisterschaft der Sportarten Para Ski alpin, Para Ski nordisch und Para Snowboard. In der Abfahrt, im Super-G, in der Super-Kombination und im Slalom war die 26-Jährige nicht zu schlagen, im Riesenslalom stoppte sie nur das fünftletzte Tor, an dem sie weit in Führung liegend hängen blieb und stürzte. „Es ist schade, dass es nicht fünf Goldene wurden, vielleicht hatte sie die im Kopf. Aber in Richtung Peking muss sie weiter Gas geben, zumal sie selbst mit ihrer Performance nicht so zufrieden war und Luft nach oben hat“, sagte Alpin-Bundestrainer Justus Wolf, für den die WM „wie einkalkuliert“ lief.

Mit Blick auf die Paralympics, die am 4. März in Peking eröffnet werden, betonte Forster trotz ihres größten Erfolges stets, dass ihre Hauptkonkurrenz bei der WM fehlte: Die Japanerin Momoka Muraoka hatte die Reise nach Norwegen pandemiebedingt nicht angetreten – ebenso wie das gesamte Team des Paralympics-Gastgebers China, auch von dort erwartet Forster starke Gegnerinnen. „Es bleibt spannend, weil man die Konkurrenz aus China nicht einschätzen kann“, sagt Wolf. Sportartenübergreifend ist zu erwarten, dass chinesische Athletinnen und Athleten bei den Spielen stark abschneiden werden, auch das ein Grund, warum die WM-Ergebnisse nicht überbewertet werden sollten. Und doch gab es aus deutscher Sicht auch abgesehen von Forster einige Momente und Leistungen, die Mut machen.

Die Stuttgarterin Anja Wicker zeigte im Para Skilanglauf und im Para Biathlon, dass sie läuferisch bereits in Paralympics-Form ist. Nach der für sie selbst überraschenden Bronze-Medaille im Langlauf über die Mitteldistanz gewann sie im Biathlon-Sprint Gold – hauchdünne 1,6 Sekunden vor der Favoritin Oksana Masters aus den USA; es war Wickers zweiter WM-Titel nach Finsterau 2017. Die Paralympicssiegerin im Zehn-Kilometer-Biathlon von Sotschi 2014 hat untermauert: Sie zählt auch für Peking zu den Medaillenkandidatinnen.

Starke Nachwuchs-Leistungen lassen für die Zukunft hoffen

Bronze gab es für Para Skifahrerin Anna-Maria Rieder in der Super-Kombination. Nach Platz vier im Super-G fuhr sie noch an ihrer Teamkollegin Andrea Rothfuss vorbei. Doch in den technischen Disziplinen, dem Riesenslalom und Slalom, verpasste die 21-Jährige mit zwei Mal Platz vier ihre erhoffte zweite Medaille, weil die Konkurrenz in der stehenden Klasse der Frauen extrem stark geworden ist.
Freude machte der Nachwuchs im Para Ski nordisch. Zwar ist der Rückstand zur Weltspitze etwa bei den Frauen mit Sehbeeinträchtigungen im Para Ski nordisch gewaltig, die 15 und 18 Jahre alten WM-Debütantinnen Linn Kazmaier (mit Guide Florian Baumann) und Leonie Walter (mit Guide Pirmin Strecker) zeigten jedoch, dass bald mit ihnen zu rechnen ist. Die 17-jährige Merle Menje verlangte Wicker im Langlauf-Sprint der sitzenden Klasse alles ab und verpasste das Finale nur um eine Hundertstelsekunde. Und auch der 22-jährige Marco Maier arbeitet sich bei den Männern stehend immer mehr an die Besten heran.

Im alpinen Bereich waren mit Christoph Glötzner (18) und Leander Kress (21) bei den stehenden Männern sowie Isabell Thal (22, mit Guide Maximilian Körner) und Luisa Grube (20, mit Guide Luca Traichel) vier Talente dabei, um Erfahrung zu sammeln, wie der Bundestrainer sagt: „Da sind wir sehr zufrieden. Gerade bei den Jungs hätten wir vor zwei Jahren nicht gedacht, dass sie dieses Jahr schon so weit sind, sie haben es gut gemacht.“

Übermächtige Konkurrenz und wiedergenesene Medaillenhoffnungen

Insgesamt bleibt von der WM der Eindruck, dass mit einem Ergebnis wie 2018 bei den Paralympics im südkoreanischen PyeongChang, wo Deutschland sieben Gold-, acht Silber- und vier Bronzemedaillen holte, kaum zu rechnen ist. Der Paralympicssieger im Biathlon über 15 Kilometer, Martin Fleig bei den Männern sitzend, musste in Lillehammer erleben, wie stark umkämpft seine Klasse ist. Clara Klug, in PyeongChang mit Ihrem Guide Martin Härtl zweifache Bronzemedaillen-Gewinnerin im Biathlon, bekommt es mit einer schier übermächtigen russischen Konkurrenz zu tun. Die WM verpasste die 27-Jährige wegen einer Handverletzung, Ende des Monats feiert das Team Klug/Härtl beim Weltcup im schwedischen Östersund die Rückkehr ins Wettkampfgeschehen.

Medaillensammlerin Andrea Rothfuss, bei den Spielen in Südkorea noch mit vier Mal Silber und ein Mal Bronze dekoriert, konnte in Lillehammer erstmals in ihrer Karriere bei einem Großevent keinen Podestplatz erreichen, sah aber, dass sie in der Super-Kombination und im Riesenslalom nicht weit weg ist. Mehr Risiko fordert Wolf von Rothfuss und Rieder, dann seien auch Medaillen möglich: „Dass es nicht mehr positive Ausrutscher nach oben gab, lag auch an der eisigen Piste, mit der sie sich echt schwer getan haben.“

Noemi Ristau zeigte mit Guide Paula Brenzel nach ihrem Kreuzbandriss Ende September mit Platz fünf im Slalom und sechs im Riesenslalom, dass sie Richtung Peking auf einem guten Weg ist, wenngleich der WM-Slalom-Bronzemedaillengewinnerin von 2017 noch Wettkampfpraxis fehlt. „Es ist gut, dass sie langsam wieder voll einsatzfähig ist“, sagt Wolf und hofft auf das Abschluss-Trainingslager Mitte Februar in Südtirol: „Für die Medaillenränge ist noch viel zu tun. Wenn das Zutrauen kommt und sie aktiv schnellere Sachen macht, geht das in die richtige Richtung. Dafür trainieren wir.“

Feinschliff bei Weltcups in Schweden und Vorbereitungs-Trainingslagern

Am Montag kehren die letzten zurückreisenden deutschen Athletinnen und Athleten aus Norwegen heim. Dann heißt es für die meisten: durchatmen und Kopf freikriegen. Und während das alpine Team größtenteils weiter ins schwedische Åre zum Weltcup reist – „hoffentlich negativ getestet, das bleibt die spannendste Frage bis Peking“, wie Wolf sagt – sind im Para Ski nordisch Weltcup in Östersund neben dem Team Klug/Härtl Marco Maier und Nico Messinger (samt Guide Robin Wunderle) dabei.
Das gesamte Para Ski nordisch-Team kommt am 6. Februar im italienischen Livigno wieder zusammen – zu einem zweiwöchigen Trainingslager, in dem die Deutschen den letzten Schliff holen wollen. „Läuferisch sind wir auf einem guten Weg. Beim Schießen fehlt uns der Rhythmus noch etwas, ich denke, das kriegen wir in den Griff“, sagt Bundestrainer Rombach mit Blick auf die Paralympics und verspricht: „Wir werden konzentriert arbeiten.“

Para Snowboard: „Positives Resümee“ der WM-Debütanten

Die deutschen Para Snowboarder waren alle drei erstmals bei einer Weltmeisterschaft dabei. „Ich bin zufrieden und ziehe auch von unserer ersten WM ein positives Resümee“, sagte der deutsche Cheftrainer André Stötzer. Christian Schmiedt hatte sich im Dual Banked Slalom der Klasse LL1 mit Platz sieben und im Snowboard Cross mit Rang zwölf zwei Mal für den Finaltag qualifiziert und scheiterte dort – jeweils aufgrund eines Sturzes – im Viertelfinale. Matthias Keller und Manuel Ness kamen beide nicht über die Qualifikations-Läufe hinaus.

Im Team-Wettbewerb im Snowboard Cross zeigten Keller und Schmiedt mit Platz zehn noch mal gute Leistungen. „Es war für uns alle ein großer Erfahrungsgewinn in Richtung Paralympics“, sagte Stötzer: Alle Nationen außer China waren dabei, deshalb wissen wir nun besser, wo wir stehen und woran wir genau arbeiten müssen, um in Peking noch besser abliefern zu können.“

Am 28. Januar gibt der Deutsche Behindertensportverband e.V. sein Aufgebot für die Paralympics in Peking bekannt. Am 25. Februar fliegt das Team geschlossen zu den Spielen nach China, die vom 4. bis 13. März stattfinden sollen.
 
Langlauf-Staffeln am Schlusstag auf Platz 4 und 5

Am letzten Wettkampftag in Lillehammer standen im Para Skilanglauf die Staffeln auf dem Programm. Die deutschen Auswahlen landeten im Mixed auf Platz fünf und in der offenen Staffel auf Rang vier – siebeneinhalb Sekunden hinter Gastgeber Norwegen auf Bronze. Das Breisgau-Quartett Nico Messinger (mit Guide Robin Wunderle), Alexander Ehler, Martin Fleig und Marco Maier war beim Sieg des Russian Paralympic Committees vor Frankreich zunächst noch knapp hinter den USA und Belarus als Sechste ins Ziel gekommen und rutschte dann aufgrund von Wechselfehlern der Konkurrenz vor. Für mehr als Platz vier reichte es jedoch nicht.

„Schade“, sagte Bundestrainer Ralf Rombach. „Bronze wäre drin gewesen.“ Nico Messinger fand ganz zu Beginn nach leicht versäumten Start keine gute Linie und hing im Stau fest. Das kostete Zeit. „Taktisch war das nicht klug von mir“, merkte er selbstkritisch an. Dennoch nahm die Staffel Selbstbewusstsein für Peking mit. „Wir haben bewiesen, dass wir mitmischen können. Wir sind gut aufgestellt“, stellte der starke Schlussläufer Marco Maier fest.

Keine Medaillenchance hatte die rein weibliche Mixed-Staffel, die hinter der Ukraine, dem Russian Paralympic Committee, Belarus und den USA auf den fünften Platz kam und damit immerhin Polen distanzierte. „Absolut beachtenswert“, nannte Rombach die Leistung seiner Nachwuchskräfte Linn Kazmaier (15 Jahre), Leonie Walter (18), Merle Menje (17) und Johanna Recktenwald (20, mit Guide Valentin Haag). „Sie haben das wirklich gut gemacht.“ Schlussläuferin Recktenwald sprach von „einem tollen Abschluss“ und fügte hinzu: „Das Staffelgefühl ist etwas Besonderes. Mit uns vier hat das prima gepasst.“

Thal und Rothuss erreichen Parallel-Slalom-Achtelfinale

Für das Deutsche Para Skiteam Alpin gab es im abschließenden Parallel-Slalom schon früh die Erkenntnis, dass ein Medaillengewinn schwierig werden würde. Ihre größte Hoffnung, die vierfache Lillehammer-Weltmeisterin Anna-Lena Forster, überstand als 10. nicht einmal die Qualifikation im Damen-Wettbewerb, in dem sehbehinderte, stehende und sitzende Athletinnen mithilfe eines Zeitfaktors gegeneinander starteten.

„Mit der schnellsten Monoski-Zeit nicht in den K.o.-Duellen zu sein, ist schade. Es ist ein cooles Event, hat aber definitiv noch Entwicklungspotenzial“, resümierte Forster und Justus Wolf fügte hinzu: „Die Sitzenden hatten durch den steilen Hang oben definitiv einen Nachteil, das sollte in Zukunft optimiert und reglementiert werden. Es war aber generell gut anzuschauen, mal sehen, ob das künftig ein Teamwettbewerb wird“, sagte der Bundestrainer über das neue Format.

Immerhin: Andrea Rothfuss und Isabell Thal mit Guide Maximilian Körner schafften es bis in die K.o.-Duelle im Achtelfinale. Dort verlor Thal gegen die spätere Weltmeisterin Ebba Aarsjoe aus Schweden, Rothfuss musste sich der viertplatzierten Russin Taisia Foriash geschlagen geben. Luisa Grube mit Luca Traichel als 9. im roten Lauf sowie Christoph Glötzner als 11. und Leander Kress als 14. hatten wie Forster die Qualifikation für die K.o.-Duelle verpasst.

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