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  • Ein Mann dem eine Hand fehlt, der ein Segel montiert mit dem Slogan: Ob mir eine zweite Hand helfen könnte? Beim Aufhängen der Trophäen vielleicht.

Historisch: Boris Nicolai wird im August in Tokio aller Voraussicht nach der erste deutsche Para Boccia-Spieler bei den Paralympics überhaupt sein. Sein letzter Wettkampf wird dann pandemiebedingt fast zwei Jahre zurückliegen – doch die große Bühne liegt dem Saarländer

Boris Nicolai | Foto: Ralf Kuckuck / DBS Ein Urlaub auf Teneriffa, viel eigenes Engagement und spektakuläre Spiele haben dafür gesorgt, dass sich Boris Nicolai bald einen Traum erfüllen könnte: die Teilnahme an den Paralympics. Zu der Präzisionssportart kam der 36-jährige Maschinenbautechniker in einem Hotel auf der Kanareninsel, zurück in Deutschland fand er mit dem BRS Gersweiler-Ottenhausen einen Verein – nur 25 Kilometer von zu Hause entfernt: „Ballspielen liegt mir generell, ich habe früher Tennis gespielt und Boccia ist gut vergleichbar: Es ist taktisch, man hat wie beim Aufschlag Druck beim Anwurf und es kommt sehr auf die Genauigkeit an. Das hat mir sofort sehr gut gefallen.“

Das Ziel des Boccia-Spiels ist es, die eigenen Bälle näher am weißen Zielball, dem sogenannten „Jack“, zu platzieren als die der gegnerischen Seite. Dabei muss das Wurf-Repertoire auf dem 12,5 x 6 Meter großen Feld breit gefächert sein: Mal spielt man einen Ball gefühlvoll, mal möchte man einen gegnerischen wegschießen oder den Weg verbauen – auf kurze, mittlere oder lange Distanzen. „Was mich reizt: Man muss dabei perfekte Bälle spielen“, sagt Nicolai.

In Trainer Edmund Minas hatte er im Saarland auf Anhieb einen Förderer. Und weil Nicolais Potenzial schnell ersichtlich war, investierten die beiden viel – anfangs vor allem Herzblut und Geld: „Mein erstes Turnier finanzierte 2015 die Nationalmannschaft, ich hätte aber vier oder fünf spielen können. Dafür gab es aber kein Geld. Also haben wir uns in Saarbrücken auf Sponsorensuche gemacht und mit meinem Doppelpartner Bastian Keller konnten wir ab 2016 alle Turniere spielen – teils privat bezahlt mit knapp 15.000 Euro jährlich.“

Auf WM-Bronze 2018 folgte EM-Silber 2019

So sammelte Nicolai, der dem Paralympicskader des Deutschen Behindertensportverbandes angehört, international Erfahrung und rückte näher an die Weltspitze heran. Der Durchbruch gelang ihm dann 2018 bei den Weltmeisterschaften in Liverpool. Als 23. der Welt von 32 Spielenden war Nicolai im Vorfeld ein Außenseiter, ein „Dark Horse“, wie die Engländer sagten. Doch im Achtelfinale besiegte er völlig überraschend zunächst den Weltranglisten-Ersten sowie damaligen Welt- und Europameister, um im Spiel um Platz drei nach einer packenden Aufholjagd noch WM-Bronze zu gewinnen: „Das war mein emotionalstes Erlebnis, weil ich im letzten Satz noch zwei Punkte aufgeholt und dann sogar gewonnen habe.“

Durch die Punkte kletterte Nicolai in der Weltrangliste und steigerte seine Bekanntheit. Weil das Spiel im englischen Fernsehen live übertragen wurde, gratulierten ihm im Anschluss viele Menschen, die den Krimi im Hotelzimmer verfolgten. „Ich hatte die Kameras gesehen, aber mir keine Gedanken gemacht und das nicht als Nachteil empfunden“, sagt Nicolai und sieht sein gutes Abschneiden auf dem Show-Court als gutes Omen für die Spiele in Tokio, wenn das weltweite Medieninteresse auf dem paralympischen Sport liegt.

2019 gewann Nicolai auch noch Silber bei der EM in Sevilla – und zeigte, dass sein Achtungserfolg bei der WM kein Ausrutscher nach oben war. Darüber hinaus war der 36-Jährige aufgrund der hervorragenden Resultate zeitweise Weltranglisten-Erster und liegt aktuell auf Platz zwei, sodass ein Tokio-Ticket sicher ist. Pandemiebedingt wurde die Weltrangliste im März 2020 eingefroren. Mittlerweile ist zudem klar, dass das Turnier Ende Oktober 2019 in Portugal sogar sein letztes bis zu den Paralympics sein wird.

Para Boccia-Athlet*innen haben teils schwerste Behinderungen – und sind Teil der Paralympics

Über die sozialen Medien hat Nicolai zwar mitbekommen, dass in Spanien und Osteuropa schon wieder einzelne Turniere stattgefunden haben, doch offiziell hat der Weltverband alle abgesagt. „Es ist schon ein Wettbewerbsnachteil, weil wir hier in Deutschland nur vier Leute auf dem gleichen Level haben, während sich andere offensichtich mit starker Konkurrenz messen können“, sagt Nicolai, der meist mit Teamkollegin Anita Raguwaran trainiert: „Mich hätte es gefreut, wenn ich kleinere Turniere in meiner Startklasse hätte spielen können. Aber das Gesundheitsrisiko ist dem Verband da wohl zu groß.“

Seit 1984 ist die Sportart Teil des paralympischen Programms. Im Para Boccia spielen Athletinnen und Athleten mit den schwersten Behinderungen, die es bei den Paralympics gibt – aus mittlerweile über 40 Nationen. „Teilweise sind Leute dabei, die Beatmungsgeräte haben oder Hilfe beim Essen oder Trinken benötigen – und Boccia spielen können. Diese erhalten dann Unterstützung von Assistenten und rollen den Ball über eine Rampe. Das erfordert unheimlich viel Training und Abstimmung, weil sie mit den Assistenten eingespielt sein müssen. Schließlich spielen wir ja auch auf Zeit“, erklärt Nicolai, der eine Muskeldystrophie hat, und fügt hinzu: „Ich finde es schön, dass es bei Paralympics beispielsweise Leichtathleten gibt, die mit Prothese kaum eine Einschränkung im Alltag haben und dass es auf der anderen Seite Menschen gibt, die extrem eingeschränkt sind und ebenfalls ihren Sport ausüben. Dass an den Paralympics Sportlerinnen und Sportler mit ganz unterschiedlichen Behinderungen teilnehmen können, das ist ein ganz tolles Gefühl.“

„Eine Medaille wäre natürlich super“

Um trotz Turnierausfällen für Tokio bereit zu sein, hat Nicolai alte Spiele immer wieder per Video analysiert und geschaut, wie er Spielsituationen anders lösen könnte. Mit einem Sportpsychologen arbeitet er am Umgang mit Drucksituationen. Und als es zu Beginn der Corona-Pandemie nicht anders ging, flogen die Boccia-Bälle auch mal durch die heimische Küche und den Gang. Weil sein Mentor, Trainer und Freund Edmund Minas 2019 leider verstarb, trainierte sich Nicolai zeitweise selbst. Mittlerweile unterstützen ihn am Olympiastützpunkt aber gleich drei Leute beim Training. „Außenstehende sehen ganz anders auf das Spiel. Es ist gut, wenn mir jemand analytisch zur Seite steht“, sagt Nicolai, „und ich bin sicher, dass Edmund weiter ein Hauptaugenmerk auf mich hat und in Tokio unser beider Traum hoffentlich in Erfüllung gehen kann.“

Dass die Halle dort neu und dadurch vermutlich klimatisiert sein wird, kommt ihm entgegen: Dann ist der Boden trocken, die Bälle rollen schnell und Nicolai braucht „weniger Kraft, um die Bälle auseinander zu schießen.“ Wie er dort abschneidet, vermag der Saarländer aufgrund der langen Wettkampfpause dennoch kaum einzuschätzen. „Manche Spieler haben fortschreitende Erkrankungen, das ist schwer zu sagen. Tendenziell hatten wir immer 20 Leute, die auf dem gleichen Level spielen, da kann in entscheidenden Momenten das Glück oder die Tagesform ausschlaggebend sein. Ich will die Vorrunde überstehen und dann ins Viertel- oder Halbfinale kommen. Eine Medaille wäre natürlich super.“

Quelle: Nico Feißt

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