• Ein Handbike-Fahrer mit dem Slogan: Ich kann zwar nicht laufen, aber aufs Treppchen komm ich trotzdem
  • Eine Bogenschützin im Stehen mit dem Slogan: Meine Behinderung sieht man mir nicht an. Aber meinen Siegeswillen.
  • Ein blinder Fußballspieler mit Augenbinde und dem Slogan: Ich habe zwar noch nie ein Tor gesehen, aber ich weiß wie man eins schießt.
  • Eine Handbike-Farerin mit dem Slogan: Man muss nicht laufen können, um die Konkurenz stehen zu lassen.
  • Ein Mann dem eine Hand fehlt, der ein Segel montiert mit dem Slogan: Ob mir eine zweite Hand helfen könnte? Beim Aufhängen der Trophäen vielleicht.

Der blinde Para Judoka Shugaa Nashwan erlebte in seinem vom Bürgerkrieg geplagten Geburtsland prägende Erfahrungen und richtete ein „Mini-Olympia“ aus

Shugaa Nashwan beim Mini-Olympia in seinem vom Bürgerkrieg geplagten Geburtsland Jemen | Foto: MohamedDer blinde Para Judoka Shugaa Nashwan hat nach der Verschiebung der Paralympics den August anders genutzt: In seinem Geburtsland Jemen veranstaltete der 22-Jährige ein „Mini-Olympia“, um den Kindern und Menschen in dem vom Bürgerkrieg und Armut geplagten Land Hoffnung zu schenken – auch wenn er dafür große Risiken in Kauf nahm.

„2020 ist das für mich bedeutendste Jahr“, sagt Shugaa Nashwan. Ein Satz, den Spitzensportler oft verwendet haben – allerdings nur bis zur coronabedingten Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele von Tokio ins kommende Jahr. Für Nashwan ist er allerdings Realität, denn der blinde Para Judoka hat die größte Reise seines Lebens hinter sich. „Ich habe im vergangenen Jahr extra 20 Euro bezahlt, damit auf meinen neuen Visitenkarten die Handynummer die Endung -2020 hat. Da wurde ich dann ausgelacht“, sagt der Psychologiestudent und schmunzelt selbst. „Jetzt ist doch alles wahr geworden. Ich hatte meine Spiele – keine klassischen Paralympics – aber kleine Spiele mit einer großen Symbolik.“

Judo hilft Nashwan, seine Erfahrungen aus dem Jemen zu verarbeiten

Nashwan wurde 1997 in Sanaa geboren, der Hauptstadt des Jemen. Laut Vereinten Nationen herrscht in dem Land weltweit die größte humanitäre Katastrophe. 2014 nahmen Huthi-Rebellen nach anderen Regionen auch Sanaa ein, seitdem gibt es dort einen gewaltsamen Konflikt. Für die Menschen im Jemen bedeutet das Hunger, Armut und Krieg. „Es geht nur ums Überleben, es ist eine komplett andere Welt, auf die du dich einlassen musst“, sagt Nashwan, der zuletzt vor sieben Jahren in seinem Geburtsland war, als noch kein Bürgerkrieg herrschte. Mit fünf Jahren kam er nach Deutschland, doch die Situation im Jemen lässt ihn nicht los: „Ich weiß noch, dass ich in der sechsten Klasse ein Referat in Ethik über den Jemen nicht beenden konnte, weil ich so traurig war, wie die Situation dort ist – und da war noch kein Krieg.“
Bei der Bewältigung hilft ihm der Judosport, den er im Internat der Marburger Carl-Strehl-Schule an der Blista, dem bundesweiten Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung, kennengelernt hat. „Ich habe selbst viel Gewalt erfahren. Judo hat mir in meiner Persönlichkeitsentwicklung sehr geholfen. Mit dem Teamgeist, den wir haben – dem Geist der Freundschaft – können wir große Ergebnisse erzielen. Sport hat mir den Mut gegeben, krasse Entscheidungen zu treffen: Sport hat eine gemeinsame Sprache und überwindet Grenzen.“

Shugaa Nashwan, Mitglied der Nachwuchselite-Förderung, ist gut im Para Judo, er kämpft gegen sehende Athleten in der Bundesliga und gewinnt 2017 und 2019 EM-Bronze. Für die Paralympics ist er dank seiner Weltranglistenplatzierung qualifiziert – mit der Teilnahme ginge ein Lebenstraum in Erfüllung. „In diesem Zyklus zu Tokio habe ich alles gegeben, war aber auch viel verletzt. Die Zeit habe ich genutzt, um mental stärker zu werden.“

Als die Schwester auf der Flucht ist, muss Nashwan bei der WM kämpfen

Als Nashwan sich 2018 bei der Weltmeisterschaft körperlich auf dem Höhepunkt wähnte, spielte nämlich die Psyche nicht mit. Sechs Monate verbrachte er nach seinem Abitur in Japan, obwohl er die Sprache nicht verstand. Doch Nashwan lernte im Judo-Herkunftsland von den Besten, ihre gemeinsame Sprache war der Sport. „Als ich zurückkam, dachte ich: Keiner kann gegen mich bestehen – und dann schied ich in der 1. Runde bei der WM aus.“

Mit ein Grund dafür damals: Seine ältere Schwester, die die gleiche Netzhauterkrankung hat und auch blind ist, flüchtet zu der Zeit mit ihren Kindern aus dem Jemen nach Ägypten. Nashwan wäre lieber für sie da gewesen und zweifelt: „Ich hatte eine Sinnkrise, wofür ich den Leistungssport überhaupt mache. Ich hampele da ein bisschen rum, aber eigentlich ist es das Nichtigste auf der Welt. Ich kämpfe auf der Matte, während andere ums Überleben kämpfen. Die Reise jetzt hat meine sportlichen Erwartungen verändert, mir gleichzeitig aber wieder Motivation gebracht.“

Nashwan lief mit dem Blindenstock voraus auf bewaffnete Männer zu

Eigentlich war es Nashwans Wunsch, nach den Paralympics in den Jemen zu reisen, „da ich mich dann vor niemandem hätte rechtfertigen müssen.“ Seit seine Mutter 2016 mit der Familienzusammenführung nach Deutschland kommen durfte, wandte er sich seinem Geburtsland wieder zu. Als sich dann durch die Verschiebung der Spiele in Tokio die Chance im eigentlichen Paralympics-Zeitraum bot, zögerte Nashwan nicht lange: „Im Jemen war zu dem Zeitpunkt Opferfest, das hat einen ähnlichen Stellenwert wie hierzulande Weihnachten, alle sind eher friedfertig und für die Friedensbotschaft empfänglich.“

Nashwan flog nach Aden und musste 17 Stunden quer durchs Land nach Sanaa fahren. Nur mit Schmiergeld kamen sie vorwärts – für Nashwan schwer zu ertragen: „Das geht an bewaffnete Männer, die für das Leid mitverantwortlich sind.“ Sobald sie anhielten, kamen Menschen, die um Essen betteln. Als er einen Keks aus dem Auto reichte, brach eine Schlägerei aus. Sein Bruder, der alles filmte, landete zwei Mal im Gefängnis. Einmal sollten ihm die Haare abgeschnitten werden, da er für einen Huthi-Rebellen gehalten wurde. Beim anderen Mal wurde er von den Huthi-Rebellen festgenommen, weil er zu westlich aussah und die Kamera in der Hand hielt. „Nur durch gute Kontakte meiner Familie ist er wieder herausgekommen, das ist nicht selbstverständlich“, sagt Nashwan: „Wir haben noch gar nicht realisiert, was für krasse Sachen wir erlebt haben.“

Als sie einmal mit dem Auto von bewaffneten Männern angehalten wurden, stieg Nashwan aus. „Ich dachte, wenn ich länger sitzen bleibe, wächst die Angst“, berichtet der Para Judoka. Weil er zitterte, klappte sein Blindenstock auf – und dadurch stand er aufrecht da. „Ich bin dann auf die Männer zugelaufen und wollte auf keinen Fall Angst zeigen. Ich habe gesagt: Was soll das? Sehe ich aus, als würde von mir Gefahr ausgehen? Ich bin geboren im Jemen und war sieben Jahre nicht hier, soll das mein Bild von meinem Geburtsland sein, dass es hier nur noch Misstrauen gibt? Sie waren dann tief beeindruckt und wollten uns sogar zum Essen einladen.“

Nashwan möchte auch die Menschen in Deutschland zum Nachdenken bringen

Bei der eigentlichen Veranstaltung, mit der Nashwan Hoffnung stiften möchte, dem Mini-Olympia für Judo, war auch der Olympionike und Judoka Ali Khousrof dabei, der Jemen bei Olympia vertreten hätte. „Er ist richtig fit“, sagt Nashwan, „es ist bewundernswert, dass sich so ein toller Athlet im Jemen entwickelt hat.“
Bei einer Eröffnungsfeier schwenkten Kinder Fähnchen verschiedener Nationen, Nashwan war der deutsche Fahnenträger, Khousrof der jemenitische. Unter dem Motto „Licht des Friedens“ kämpften sie gegeneinander und brachten den Kindern Judo bei. „Damit haben wir unsere Form der Friedensbotschaft gesendet“, betont Nashwan, der auch Live-Interviews im jemenitischen Fernsehen gab, gleichzeitig aber nicht auffallen und das Haus alleine verlassen durfte, weil die Gefahr zu groß war, dass er gekidnappt werden könnte.

„Jemen ist ein Sinnbild für die Grausamkeit gegen die Menschlichkeit“, sagt Nashwan, der auch die Menschen in Deutschland zum Nachdenken bringen möchte: „Wenn jeder das Leid sieht und sich davon berühren lässt, wäre viel geholfen. Wenn jeder sich fragt: Was ist mit dem Elend auf der anderen Seite der Welt? Wie kommt es zustande? Dann würde sich auch niemand über hohe Flüchtlingszahlen wundern.“

Wunsch für die Paralympics: Frieden ist Nashwan wichtiger als Medaillen

Für seine Reise in den Jemen musste Nashwan Schulden machen – unterstützt wurde er nur vom olympischen Fechter Max Hartung, der ihm half, Video-Equipment zu besorgen. Bereut hat er dieses Erlebnis dennoch keinesfalls. Sein „Mini-Olympia im Jemen“ soll nur der Anfang seines Engagements für den Frieden gewesen sein: „Ich werde mich in Zukunft weiter einsetzen, um Aufmerksamkeit auf den Jemen zu lenken. Die Paralympics waren schon als Kind mein Traum. Ich habe für mich gedacht, dass es das Größte wäre. Aber jetzt habe ich schon das Größte erlebt.“

Bei den Paralympics im kommenden Jahr möchte Nashwan nicht vordergründig eine Medaille für Deutschland gewinnen – er möchte seine Reichweite für mehr nutzen: „Wenn Menschen sich im Jemen für einen deutschen Athleten freuen, wäre das nicht an eine Nation geknüpft, sondern der sportliche Gedanke wäre im Fokus. Sport steht für Verbundenheit. Mit meinem Erfolg möchte ich die Menschen über die Nationen hinaus zusammenbringen. Mein größter Traum ist es, dass wir im kommenden Jahr an der Eröffnungsfeier in Tokio teilnehmen können – mit dem Wissen, dass auf der Welt Frieden herrscht und der Krieg im Jemen beendet ist.“

Tipp: Interview mit Shugaa Nashwan bei Deutschlandfunk Nova: Judo im Bürgerkrieg: Shugaa Nashwan reist nach Sanaa

Quelle: Nico Feißt

 

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