• Ein Handbike-Fahrer mit dem Slogan: Ich kann zwar nicht laufen, aber aufs Treppchen komm ich trotzdem
  • Eine Bogenschützin im Stehen mit dem Slogan: Meine Behinderung sieht man mir nicht an. Aber meinen Siegeswillen.
  • Ein blinder Fußballspieler mit Augenbinde und dem Slogan: Ich habe zwar noch nie ein Tor gesehen, aber ich weiß wie man eins schießt.
  • Eine Handbike-Farerin mit dem Slogan: Man muss nicht laufen können, um die Konkurenz stehen zu lassen.
  • Ein Mann dem eine Hand fehlt, der ein Segel montiert mit dem Slogan: Ob mir eine zweite Hand helfen könnte? Beim Aufhängen der Trophäen vielleicht.

2010 wurde Tim Focken als Fallschirmjäger im Afghanistan-Einsatz verletzt. Im kommenden Jahr könnte der Para Sportschütze als erster einsatzgeschädigter Bundeswehr-Soldat bei den Paralympics starten

Tim Focken am Schießstand hinter seinem Gewehr | Foto: Rudi Krenn / DBSIn den vergangenen Wochen hat Tim Focken in der Garage trainiert – nicht optimal für einen Sportschützen, der dazu noch zwei kleine Kinder im Alter von drei und zehn Jahren hat. Auch wenn er alles sicher eingerichtet hat: „Wenn ich denen erkläre, dass ich Training mache, heißt es: Jaja, trainieren, okay. Aber wenn ich dann anfangen will, geht die Tür auf und jemand ruft nach dem Papa oder die zanken sich“, sagt der 35-Jährige und ergänzt grinsend: „Lärmpegel kann ja auch ein Trainingsreiz sein. Da bin ich resistenter geworden.“

Seit einigen Tagen haben sich für den Oldenburger die Trainingsbedingungen wieder etwas normalisiert. Als Spitzensportler darf er wieder am Schießstand seines Vereins SV Etzhorn trainieren und hat seine Routine zurück: Aufstehen, einen Schluck Wasser trinken, eine Stunde laufen, funktionelle Gymnastik in der Garage, ausdehnen. Dann lässt Focken die Jalousien hoch, „damit keiner ausschläft“, trinkt seinen ersten Kaffee, richtet sein Müsli und den Frühstückstisch und anschließend gibts Kaffee Nummer zwei: „Wenn ich dann merke, dass meine Vitalwerte kommen, setze ich mich auf den Drahtesel und fahre zum Schießstand.“

Was ihm fehlt, ist Feedback: „Ich hoffe jetzt, dass ich den Trainerstab bald wieder an die Hand bekomme, aber ich vermute, dass Trainingsmaßnahmen erstmal in weite Ferne gerückt sind. Gerade in einem hochkomplexen Sport wie Schießen kann nur der Trainer wichtige Impulse und Trainingsreize geben, schließlich betrachtet er aus einer anderen Perspektive“, sagt Focken: „Es geht vor allem auch um die Fragen, wie wir einsteigen wollen, wie sieht die Planung aus? Welche Schwerpunkte sollen trainiert werden: Kleinkaliber oder Luftgewehr?“

Hoffnung auf die Austragung der Europameisterschaften Ende November

Anders als in vielen andere Sportarten gibt es im Para Sportschießen zumindest ein greifbares Ziel, nachdem die Paralympics in Tokio wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben worden sind. Ende November soll die Europameisterschaft im slowenischen Lasko stattfinden, dort würde nur mit dem Luftgewehr geschossen werden. Einen Quotenplatz für Tokio holte Focken aber in seiner Paradedisziplin mit dem Kleinkaliber, als er bei der WM in Sydney im vergangenen Jahr mit Platz vier den größten Erfolg seiner bisherigen Karriere feierte. Dennoch ist die Aussicht auf eine EM noch in diesem Jahr ein positives Signal für ihn: „Aber es bleibt eben abzuwarten, wie realistisch das ist. Andere Länder haben massive Probleme und wenn viele Nationen nicht anreisen könnten, hätte die EM auch nicht den Stellenwert, den sie verdient.“

Immerhin: Um die Förderung muss sich Focken als Spitzensportler der Bundeswehr im Gegensatz zu vielen anderen Sportlerinnen und Sportlern keine Gedanken machen. Von der Deutschen Sporthilfe gab es zudem direkt nach der Verschiebung das Signal, bis Ende des Jahres weiter zu fördern. Der Landessportbund Niedersachsen und vor allem das Team BEB unterstützt ihn mit einer besonderen Förderung – und eben die Bundeswehr.

2010 in Afghanistan von einem Scharfschützen angeschossen

Bei einem Einsatz in Afghanistan wurde Focken 2010 von einem Scharfschützen angeschossen, seither kann er seinen linken Oberarm und die Schulter nicht mehr bewegen. Der ehemalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière formulierte den Auftrag, dass einsatzgeschädigte Soldatinnen und Soldaten mit leistungssportlichen Ambitionen gefördert werden sollen – wenn möglich bis zu den Paralympics.

Focken könnte somit der erste Bundeswehr-Soldat sein, der das schafft. Seine Welt habe nach dem Einsatz und der Verletzung in Trümmern gelegen, sagte Focken einst, doch der Sport habe ihn wieder in die Spur gebracht. Schwimmen, Leichtathletik, Triathlon, Sportschießen: Die Auswahl an Sportmöglichkeiten für den ehemaligen Fallschirmjäger war groß. Er fuhr mit dem Rennrad den legendären Anstieg nach L’Alpe d’Huez hinauf, wurde als erster Europäer Weltmeister im Paramilitärischen Mehrkampf aus Sprint, Schwimmen, Kugelstoßen, Schießen und Radfahren und durfte sich „Ultimate Champion“ nennen – die höchste Auszeichnung, die es dort gibt. Doch der Lebensmittelpunkt mit seiner Familie in Oldenburg und die größeren Erfolgschancen gaben den Ausschlag für den Schießsport.

„Para Sportschießen war die beste Entscheidung“

„Die Entscheidung für Para Sportschießen war die beste, die ich treffen konnte. Gute Ergebnisse lösen in mir Glücksgefühle aus.“ Doch bis das so war, dauerte es einige Zeit. Der ehemalige Zimmermann war es gewohnt, „immer Knallgas zu geben“, sich körperlich auszupowern: „Wenn ich das Maximum rausgeholt hatte und die Gliedmaßen unter der Dusche gezittert haben, das hat mir den Kick gegeben.“ Die Umstellung zum Schießsport, bei dem man nicht zehn Sekunden wie beim Sprinten alles geben, sondern über eineinhalb Stunden hoch konzentriert ruhig am Schießstand sitzen muss, war enorm. „Das hat mich sehr gefordert. Deshalb hat es mit den Paralympics in Rio 2016 auch nicht so schnell geklappt, wie ich mir vielleicht erhofft hatte“, sagt der einstige Leichtathlet, der dennoch eine rasante Karriere hinter sich hat.

Schon in seinem ersten Jahr 2014 durfte er an Weltcups teilnehmen, holte Platz fünf in den USA und nahm an der Heim-WM in Suhl teil, doch Focken machte sich immer zu viel Druck. Erst 2018, als er seinen ersten deutschen Meistertitel holte, wurde er entspannter. „Da bin ich hingefahren und habe gesagt: Ich will Spaß haben – und es hat funktioniert“, erinnert sich Focken, der auch insgesamt ruhiger geworden ist: „Schießen ist so eine hochkomplexe Sportart mit so vielen Abläufen. Du darfst nie negativ sein, musst immer die Situation annehmen und selbst aus dem Negativem etwas Positives rausziehen.“

Die Verschiebung der Spiele sieht er daher auch als Möglichkeit, noch besser zu werden. „Ich habe beste Voraussetzungen und mein Ziel klar vor Augen“, sagt Focken, der seinen 37. Geburtstag am Tag der Eröffnungsfeier in Tokio feiern könnte: „Ich habe so eine Berg- und Talfahrt hinter mir, das werde ich mir nicht nehmen lassen.“

Quelle: Nico Feißt

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