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  • Ein Handbike-Fahrer mit dem Slogan: Ich kann zwar nicht laufen, aber aufs Treppchen komm ich trotzdem
  • Eine Bogenschützin im Stehen mit dem Slogan: Meine Behinderung sieht man mir nicht an. Aber meinen Siegeswillen.
  • Ein blinder Fußballspieler mit Augenbinde und dem Slogan: Ich habe zwar noch nie ein Tor gesehen, aber ich weiß wie man eins schießt.
  • Eine Handbike-Farerin mit dem Slogan: Man muss nicht laufen können, um die Konkurenz stehen zu lassen.
  • Ein Mann dem eine Hand fehlt, der ein Segel montiert mit dem Slogan: Ob mir eine zweite Hand helfen könnte? Beim Aufhängen der Trophäen vielleicht.

Vanessa Low brachte ihn dazu, mit Prothesen zu sprinten – jetzt möchte Ali Lacin Menschen inspirieren, über sich hinauszuwachsen: Mit 33 Jahren gibt der Berliner Para Leichtathlet sein Paralympics-Debüt, nachdem er seine Karriere schon beendet hatte.

Der „Iron Man“ von Berlin, Candyman oder der Sprinter ohne Beine: In Presseberichten über Ali Lacin finden sich allerlei Spitznamen für den 200-Meter-Sprinter und Weitspringer. Welcher ihm am besten gefällt? „Den Candyman fand ich sehr cool, so haben mich auch Teamkollegen öfters gerufen, aber ich bin ja keiner mehr. Und Iron Man ist vor allem für die Kiddies richtig gut, das merke ich vor allem, wenn ich in Shorts rumlaufe oder am Trainieren bin und die Prothesen zu sehen sind.“

Lacin erzählt das im südjapanischen Miyazaki, seit einer Woche ist er mit einem Teil des Para Leichtathletik-Teams hier, um sich an das Klima in Japan anzupassen und sich auf die Paralympics vorzubereiten. Am Sonntag – zwei Tage vor der Eröffnungsfeier – folgt dann der Flug nach Tokio. Dass es in Miyazaki die meiste Zeit geregnet hat und auch nicht so heiß war wie befürchtet, tut der guten Laune keinen Abbruch. „Es ist immer noch ganz aufregend für mich, in Japan zu sein“, sagt Lacin und blickt auf den Pazifik, der direkt vor dem Hotel liegt: „Ich hoffe, dass ich eine Medaille mit nach Berlin bringen kann.“

„Ich war der größte Pessimist“

Dass er überhaupt in Japan dabei ist, hat er auch seinem starken Willen und einer großen persönlichen Entwicklung zu verdanken. In seiner Kindheit und Jugend hatte Lacin, dessen Beine oberhalb des Knies schon im Alter von eineinhalb Jahren amputiert wurden, mit seiner Behinderung zu kämpfen: „Mit Freunden und mit meiner Familie war alles okay, aber in der Öffentlichkeit bin ich nicht klargekommen. Du spürst, dass du anders bist, dass du für Mädels nicht interessant bist und du wirst diskriminiert. Mit 21 oder 22 Jahren war ich an meinem Tiefpunkt. Ich hatte Depressionen, war der größte Pessimist, habe die Zeit mit der X-Box totgeschlagen und wollte nicht mehr raus. Ich konnte nichts mehr machen, das mir Spaß bereitet.“

Selbst auf Prothesen konnte Lacin zu jenem Zeitpunkt nicht mehr gehen, sondern saß im Rollstuhl. Irgendwann erkannte er für sich selbst, dass er seine Einstellung ändern müsse. „Ich dachte, irgendwann gibst du komplett auf. Aber wir sind muslimisch geprägt und das Gebet hat mir immer Stärke gegeben. Irgendwann habe ich erkannt, das zu schätzen, was ich habe: Immer warmes Essen, ein Dach über dem Kopf, eine Familie, die für mich da ist. Ich bin dankbarer geworden. So wurde ich auch wieder offener und selbstbewusster – und dann kam der Sport dazu.“

„Ich sehe Vanessa Low im Fernsehen und bekomme ihre Prothesen“

In seiner Jugend war Lacin Fußballtorhüter, vom Para Sport erfuhr er erst 2011 mit 23 Jahren, als er eine Reportage über Paralympics-Siegerin Vanessa Low sah, die wie er beidseitig oberschenkelamputiert ist. „Sie bekam erst nach einem Unfall Prothesen, ich war schon mein ganzes Leben so unterwegs. Das hat mich umgehauen, da wusste ich, das muss ich auch machen“, sagt Lacin. Nach der Reportage formulierte er spontan ein Ziel: Er möchte zu den Paralympics 2012 in London. Lacin lacht, wenn er daran denkt. „Als ich mich dann bei meinem ersten Trainer vorstellen durfte, wurde mir gesagt, ich soll nach London wiederkommen – so schnell ginge das nicht.“ Doch der Wunsch und die Motivation waren in ihm geweckt worden und sein ehemaliger Trainer kam aus London mit einem besonderen Geschenk zurück.

Vanessa Low hatte ihm nämlich ihre alten Prothesen gegeben und auf ihnen sollte Lacin das Sprinten lernen. „Das war mega, das muss man sich vorstellen: Ich sehe sie im Fernsehen und bekomme ihre Prothesen. Wir haben auch ihren Laufstil kopiert, weil wir wussten, Vanessa kann das, also muss das funktionieren“, sagt Lacin, der mit 25 Jahren zum ersten Mal auf Sprintprothesen stand: „Ich war natürlich sehr spät dran. Vielleicht wäre ich viel früher da gewesen, wo ich jetzt bin.“

Die ersten Schritte waren schmerzhaft, schon wenige Wochen später brach sich Lacin das Schlüsselbein: „Ich sollte nicht sprinten, aber ich bin einfach losgerannt. Ich fand es cool. Einfach mal die Behinderung herauszufordern. Ich dachte: Ich kann’s, ich kann’s bestimmt – und dann geht’s in die Hose. Da hätten viele vielleicht aufgegeben, auch meine Familie sagte: Mach doch lieber was anderes. Aber ich wusste, das muss ich durchziehen – schließlich hatte ich ja London schon verpasst und wollte nach Rio.“

„Selbstständigkeit und Leistungssport sind nicht vereinbar“

Quasi zeitgleich zu seinem Einstieg in die Para Leichtathletik gründete Lacin im Juli 2013 zusammen mit seinem Bruder Osman einen Süßwarengroßhandel, daher auch der Name Candyman. Die Arbeit machte ihm Spaß, war aber auch fordernd: „Ich sehe mich immer noch, wie ich nach meinem Schlüsselbeinbruch mit Rucksackverband auf der Süßwarenmesse in Köln stand. Die Sportkarriere und das Unternehmersein parallel durchzuziehen, war im Nachhinein utopisch, weil Selbstständigkeit und Leistungssport nicht miteinander vereinbar sind.“

Bei der Europameisterschaft 2016 im italienischen Grossetto gab er an der Seite von Vanessa Low sein Debüt im Nationaltrikot, wurde Fünfter über 200 Meter. Doch die Norm für die Paralympics im gleichen Jahr verpasste er, sein Traum von Rio platzte – und Lacin entschied sich, seine Sportkarriere zu beenden: „Ich habe gedacht, Rio muss klappen und ich packe es nicht mehr. Ich bin drei Jahre zweigleisig gefahren und mein Bruder musste viel mehr fürs Unternehmen stemmen, als ich es getan habe. Du opferst viel – Freunde, Freizeit, Hobbys – und dann wirst du nicht nominiert. Da habe ich mich geärgert, aber ich war einfach auch nicht gut genug – also habe ich aufgegeben.“

Lacin hält den 100-Meter-Weltrekord in seiner Klasse

Ein Jahr lang entschied sich Lacin für die Arbeit und gegen den Sport. Bis ein Anruf vom Olympiastützpunkt Berlin kam: „Sie haben gefragt, ob ich als Berliner nicht bei der Heim-EM 2018 in Berlin starten möchte.“ Lacin wollte und gab dafür sogar kurz vor der EM seinen Job als Süßwarengroßhändler auf. „Ich war im Trainingslager und musste zum ersten Mal nicht an die Firma denken. Ich konnte einfach mal schlafen und habe keine Anrufe bekommen“, sagt er über den Wandel, ergänzt mit einem Grinsen aber auch: „Ich habe hier in Japan auch schon ein paar Süßigkeiten eingesteckt, die ich meinem Bruder mitbringe. Am Flughafen im Supermarkt hätte ich am liebsten das ganze Regal mitgenommen.“ Mittlerweile arbeitet Lacin bei einer Berliner Wohnbaugesellschaft Teilzeit und ist für Trainingslager und Wettkämpfe freigestellt, das lässt sich mit seinem Sportlerleben besser vereinbaren.

Und den Lohn gab es bereits: In Berlin holte er Silber über 200 Meter, in Dubai bei der Weltmeisterschaft Ende 2019 Bronze über seine Paradestrecke. Über 100 Meter hält er mit 12,73 Sekunden sogar den Weltrekord in seiner Startklasse, im Weitsprung mit 6,29 Metern den Europarekord. Bei der Wahl zum Berliner Sportler des Jahres wurde er 2018 und 2019 Dritter. „Aber meine größte Erfahrung durch den Sport ist und bleibt es, nicht aufgegeben zu haben, sondern gelernt zu haben, damit umzugehen: Auf Prothesen zu steigen und einfach losrennen oder losspringen zu können. Die Behinderung hatte immer dafür gesorgt, dass ich eingeschränkt war. Auf Prothesen kann man vieles machen und die Zeit nachholen, das ist echt toll.“

„Ich will schnell sein“

Weil er mehr trainieren konnte, ließ sich auch mehr ausprobieren. Zum Sprint kam der Weitsprung dazu und vor Dubai mit Ralf Otto und auch jetzt mit dem neuen Trainer Ralph Mouchbahani feilt er an einer neuen Art zu sprinten: Lacin war bei den Männern immer der einzige, der mit Kniegelenken startete – wie es eben auch Vanessa Low machte. „Das ist besser für den Rücken, aber für die männliche Klasse anscheinend zu langsam und ich will schnell sein. Mir war dann klar: Wenn ich mitmischen will, muss ich mich umstellen.“

Seit Dubai sprintet Lacin daher ohne Kniegelenke und ist optimistisch, vor allem über die 200 Meter am 3. September eine Medaillenchance zu haben, auch wenn er verletzungsbedingt erst drei Wettkämpfe in dieser Saison bestritt. Ende April brach er sich bei einem Sturz das Radiusköpfchen im linken Arm und verpasste die EM in Polen. „Ich war vorher richtig gut drauf und konnte dann sechs Wochen kaum etwas machen. Doch mittlerweile habe ich wieder aufgeholt und bin optimistisch“, sagt Lacin, der im Weitsprung am 28. August einen Platz im Finale der besten Acht als Ziel hat.

Um das zu erreichen, bekam er in Miyazaki prominente Unterstützung: Die Trainingseinheiten absolvierte er teilweise mit Léon Schäfer, Weltmeister und Weltrekordhalter bei den einseitig oberschenkelamputierten Weitspringern. „Das hatte für mich Wettkampf-Feeling, weil ich in Berlin der einzige Para Leichtathlet bin und meist alleine trainiere. Hier habe ich so eine starke Gruppe. Alleine zusammen mit Léon, Johannes Floors oder David Behre zu trainieren und zu sehen, was sie machen, pusht mich. Das würde ich mir zuhause auch wünschen“, sagt Lacin: „Berlin nennt sich Sportmetropole, da ist es schade, dass es nur einen Para Leichtathleten in Tokio gibt. Ich hoffe, dass ich durch meine Geschichte andere inspirieren kann, dass sie sich trauen, Para Sport zu machen. Ich bin da sehr offen, meine Erfahrungen weiterzugeben.“

Paralympische Erfahrung sammelt Ali Lacin bei seiner Premiere am 28. August im Weitsprung (13.04 Uhr) und am 3. September über 200 Meter (12.39 Uhr, jeweils deutsche Zeit).

Quelle: Nico Feißt

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