• Ein Handbike-Fahrer mit dem Slogan: Ich kann zwar nicht laufen, aber aufs Treppchen komm ich trotzdem
  • Eine Bogenschützin im Stehen mit dem Slogan: Meine Behinderung sieht man mir nicht an. Aber meinen Siegeswillen.
  • Ein blinder Fußballspieler mit Augenbinde und dem Slogan: Ich habe zwar noch nie ein Tor gesehen, aber ich weiß wie man eins schießt.
  • Eine Handbike-Farerin mit dem Slogan: Man muss nicht laufen können, um die Konkurenz stehen zu lassen.
  • Ein Mann dem eine Hand fehlt, der ein Segel montiert mit dem Slogan: Ob mir eine zweite Hand helfen könnte? Beim Aufhängen der Trophäen vielleicht.

Nikolai Kornhaß reist nicht als Underdog zu den Paralympics nach Tokio, sondern als Medaillenfavorit. Der Weltranglistenerste seiner Gewichtsklasse im Para Judo spürt den Druck – doch er hat eine Taktik zum Sieg, die bereits vor dem Kampf beginnt

Nikolai Kornhaß | Foto: Oliver Kremer, sports.pixolli.com / DBSEs ist ein Rauschen in der Leitung. Die Verbindung bricht diverse Male ab, als wir Nikolai Kornhaß erreichen. Er ist im Zug unterwegs, wie so oft in seinem Leben. „Als Judoka brauchst du vor allem viele Trainingskämpfe gegen gute Gegner, um besser zu werden“, sagt der 28-Jährige gut gelaunt. Aus der Ruhe bringen ihn die technischen Probleme nicht. Kornhaß sucht und findet Lösungen – neben, vor allem aber auf der Judomatte. Auch das hat ihn zum Weltranglistenersten im Para Judo der Menschen mit Sehbehinderung in der Gewichtsklasse bis 73 Kilogramm gemacht.

Kornhaß ist an diesem Tag auf dem Weg zurück, von einem Trainingslager in Hannover nach Mannheim. Doch vielmehr noch befindet sich der Leistungssportler auf der „Road to Tokyo“, denn Ende August, da nimmt er an den zweiten Paralympischen Spielen seiner Karriere teil. Kornhaß ist einer der vielversprechenden deutschen Para Sportler auf eine Medaille: Er holte Bronze bei den Spielen 2016 in Rio, Bronze bei der WM 2018 – und gewann 2019 die Judo World Games sowie den EM-Titel. Beim Paralympics-Qualifikationsturnier vor wenigen Wochen in Baku erkämpfte er sich den dritten Platz. Das Ticket für Tokio hatte der Judoka der Gundelfinger Turnerschaft da längst sicher.

„Meine aktuelle Form ist gut. Beim Judo merkst du sofort, ob du gut drauf bist“, sagt Kornhaß, der dem Paralympicskader des Deutschen Behindertensportverbandes angehört. Er studiert neben dem Leistungssport Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. Sein Fokus aber liegt auf Tokio. „Ich habe mir das Ziel gesetzt, eine Medaille zu gewinnen und im Idealfall besser zu sein als in Rio.“
Der gebürtige Augsburger hat seit dem Grundschulalter eine Sehbehinderung. Aufgrund einer Erbkrankheit sterben in seinem Sehzentrum, also dort, wo man scharf sieht, mit der Zeit die Sehzellen ab. Nur aus dem Augenwinkel sehe er wie jeder andere. „Ich habe mich schon oft gefragt, wie gut ich im Judo wäre, wenn ich volle Sehkraft hätte“, sagt Kornhaß. Er denkt nach und fügt an: „Es kann schon sein, dass ich gerade wegen der Sehbehinderung heute Leistungssportler bin.“

Das Männer-Judo für Menschen mit Sehbehinderung wurde 1988 bei den Paralympics in Seoul ins Programm aufgenommen, Frauen-Judo folgte 2004 in Athen. Geleitet wird der Sport von der International Blind Sports Federation (IBSA). Anders als bei der olympischen Variante startet der Kampf beim Para Judo in Griffposition. Das Abtasten beginnt, bevor es tatsächlich losgeht. „Es gibt einen Unterschied zwischen dem Nicht-Verlieren-Wollen und dem unbedingten Siegeswillen. Ich gehe Kämpfe aktiv an, nehme das Risiko eines Konters in Kauf“, sagt Nikolai Kornhaß. Das beginne bereits, wenn er die Halle betritt. „Alle sollen spüren, dass ich gewinnen will und werde.“

Da ist noch etwas, was ihm gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil verschaffen kann: „Nikolai behält immer einen kühlen, klaren Kopf. Er ist im Training sehr akribisch und agiert auf der Matte intelligent“, sagt Bundestrainerin Carmen Bruckmann. Sie kennt Nikolai seit fast zehn Jahren. „Er wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Koloss, aber Nikolai hat extrem viel Kampfkraft.“ Bruckmann traut ihm die Paralympics-Medaille 2021 nicht nur zu. „Wir haben nun fünf Jahre hart darauf hingearbeitet.“ Auch die anderen wichtigen Faktoren, derer es im Judo bedarf, stecken in ihm: Kraftausdauer, Explosivität, technische Fähigkeiten, mentale Stärke – und zehn Jahre nach seiner ersten Teilnahme bei deutschen Meisterschaften längst auch Erfahrung. Viermal die Woche trainiert er den Randori, den Trainingskampf. Dreimal pro Woche stehen Krafteinheiten auf dem Plan.

Kornhaß selbst sagt, dass in den einzelnen Komponenten andere vielleicht Vorteile hätten. „Doch mich macht das Gesamtpaket stark.“ Und auch das „Gewichtmachen“ vor dem Wettkampf ist keine Hürde mehr. „Früher hat es mich gestresst, am Wettkampftag genau 73 Kilo wiegen zu müssen. Heute weiß ich, wie ich das angehe. Es ist vor allem das Ausschwitzen von Wasser“, sagt Kornhaß, der aktuell etwa 76 Kilogramm auf die Waage bringt.

Die Nominierung des Team Deutschland Paralympics für die Spiele in Tokio wird am 19. Juli verkündet. Kornhaß blickt realistisch auf das, was da im August kommt. Seit Rio 2016 weiß er, wie magisch die paralympische Atmosphäre sein kann. Wenn das Miteinander zelebriert wird und es Kämpfe in ausverkauften Hallen gibt. Die Freude auf Tokio sei groß, die Erwartungen an das Drumherum hingegen klein. „Es wird ein riesiges Aufgebot an Sicherheitsmaßnahmen geben. Aber ich lasse mich gerne von allem positiv überraschen, was außer Hotelzimmer, Training und Kampf möglich sein wird.“ Kornhaß kennt die Stadt, kennt die Konkurrenz, insbesondere die Mitfavoriten aus Osteuropa und Asien. Alle hatten während der Corona-Pandemie das Problem, kaum Randoris, also Trainingskämpfe, üben zu können. Dennoch wird Kornhaß ihnen von Minute eins an mit Selbstbewusstsein gegenübertreten. Mit der Ausstrahlung eines Siegers.

Quelle: Jessica Balleer

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