Road to PyeongChang: Die Paralympics-Saison steht in den Startlöchern – Andrea Rothfuss fiebert bereits ihren vierten Spielen entgegen und will wie schon 2014 wieder Gold gewinnen

Frechen, 5. Dezember 2017. 2006 war Andrea Rothfuss das Küken. Als 16-Jährige feierte die Skifahrerin aus dem Schwarzwald ihre Premiere bei den Paralympischen Spielen in Turin. Acht Jahre später jubelte sie über das ersehnte Paralympics-Gold in Sotschi – und auch bei ihrer vierten Teilnahme an den Spielen in PyeongChang will Rothfuss wieder ganz nach oben aufs Treppchen.

Bei den Weltmeisterschaften im Januar dieses Jahres in Tarvisio hat Andrea Rothfuss ein Ausrufezeichen gesetzt. Es war ein emotionaler Befreiungsschlag. „Ich habe immer noch Gänsehaut, wenn ich daran zurück denke“, sagt die 28-Jährige. Denn: Erst im Riesenslalom und dann im Slalom hat sie überraschend die Top-Favoritin und Dauerkonkurrentin, die Französin Marie Bochet, besiegt. Bochet – die Abonnement-Siegerin in der Klasse der Damen stehend, die nahezu Unschlagbare. Doch Rothfuss hat es gepackt. Anders als in Sotschi, als sie von Bochets Ausfall profitierte und sich Gold schnappte. Diesmal gelang ihr der Coup auf der Strecke. Die Skifahrerin von der VSG Mitteltal, der von Geburt an die linke Hand fehlt, bezwang Bochet sportlich mit starken Rennen und vollem Risiko.

„Wenn ich Vollgas gebe, kann ich Marie Bochet bezwingen“

„Skifahren ist immer ein Leben auf der Kante, Sieg und Niederlage liegen ganz eng beieinander. Marie ist bei uns das Maß aller Dinge, wer sie besiegt, steht in der Regel ganz oben“, sagt Rothfuss. So wie sie es selbst zweimal geschafft hat. Damit wird sie ihre französische Kontrahentin sicher angestachelt haben – doch auch Andrea Rothfuss hat Blut geleckt. „Ich weiß jetzt, was möglich ist und was ich kann. Wenn ich Vollgas gebe und mir gute Läufe gelingen, kann ich sie bezwingen.“

Doch es ist längst nicht mehr ausschließlich das Duell zwischen Bochet und Rothfuss. Die Kanadierin Alana Ramsey ist besonders in den Speed-Disziplinen stark, die Slowakin Petra Smarzova und die Amerikanerin Stephanie Jallen können immer ein Wort bei der Medaillenvergabe mitreden und auch Rothfuss‘ junge Teamkollegin Anna-Maria Rieder zeigte mit Überraschungs-Bronze im Slalom ihr Talent. Dennoch war die WM-Bilanz der Schwarzwälderin beeindruckend: zweimal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze. Und das, obwohl die Vorbereitung auf die vergangene Saison mit dem Bruch des Sprunggelenks im Frühjahr 2016 sehr holprig war.

Diesmal lief es dagegen deutlich reibungsloser. Entsprechend ist Andrea Rothfuss bereit für die Paralympics-Saison. „Ich bin heiß auf die ersten Wettkämpfe und die Duelle mit den Gegnerinnen, um zu gucken, was das harte Training wert ist“, sagt die 28-Jährige. Sie sei gut in Form – und gefühlt im Vorfeld des Winters noch nie so viel mit dem Team unterwegs gewesen wie diesmal. „Wir haben viel und gut gearbeitet, ich war in den letzten Monaten kaum zu Hause.“

Auch das spiegelt die Entwicklung wider, die der paralympische Sport in den vergangenen Jahren genommen hat. „Seit 2006 hat sich wahnsinnig viel getan, es wird immer professioneller. Das ist eine schöne Entwicklung, bedeutet aber auch, dass wir immer mehr tun müssen, um konkurrenzfähig und erfolgreich zu bleiben“, erklärt Rothfuss. Sie hat eine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau beim Württembergischen Schützenverband begonnen, ist ins Fördermodul „Duale Karriere – Individualförderung“ aufgenommen worden und erhält damit eine finanzielle Unterstützung durch das Bundesministerium für Finanzen. „Das ist großartig. Die neue Förderung bringt mehr finanzielle Sicherheit und mehr Möglichkeiten“, sagt sie. Am Olympiastützpunkt in Stuttgart hat sie zudem optimale Trainingsbedingungen und ihr Arbeitgeber gibt ihr viele Freiräume. „Dafür bin ich sehr dankbar und ich versuche auch von unterwegs noch etwas zu unterstützen.“

Erste Station Pitztal: Deutsche Meisterschaften und Europacup

Der Aufwand ist immens. Doch das Ziel ist klar vor Augen. Bei den Paralympics in Südkorea vom 9. bis 18. März soll die Belohnung eingefahren werden. „Dieses unglaubliche Gefühl, ganz oben auf dem Podest zu stehen und die Hymne zu hören, will ich noch einmal erleben. Das ist der große Traum, der mich antreibt“, sagt Rothfuss. Auch wenn es in PyeongChang bereits die vierten Spiele werden, ist es noch immer ein ganz spezielles Kribbeln, wenn sie daran denkt. „Es ist für uns einfach das größte Event, das es gibt, etwas ganz Besonderes. Ich freue mich sehr darauf, auf die Eröffnungsfeier, den Einmarsch – und natürlich möglichst auf sportliche Erfolge.“ Dass sie inzwischen ein alter Hase im Para Ski alpin-Zirkus ist, wertet die 28-Jährige als Vorteil. „Ich habe schon viel erlebt und bin mittlerweile mit fast allen Wassern gewaschen. Daher weiß ich, was mich erwartet.“

Die erste Station der Paralympics-Saison ist im Pitztal (Österreich), wo vom 7. bis 10. Dezember die deutschen Meisterschaften und ein Europacup stattfinden. Direkt im Anschluss geht es weiter zu den Weltcups nach St. Moritz und Kühtai (Österreich), ehe über Weihnachten eine kurze Verschnaufpause ansteht. Doch Zeit zur Entspannung hat Andrea Rothfuss wohl erst im März 2018 wieder – dann hoffentlich als frischgebackene Paralympics-Siegerin.

Institutionelle Förderer

Hamburg
Sport Begeistert Hamburg
Hamburger Sportbund
Stiftung Leistungssport